Vernichtende Kritik an der Osteopathie und Craniosacrale Therapie, 2.Teil - die wissenschaftliche Beweislage

#Wissenschaft, die Wissen schafft und nicht Pseudowissen

Erste grosse Übersichtsstudie zur Craniosacralen Therapie 
Im Jahr 1999 veröffentliche ein finanziell- und interessenunabhängiges Untersuchungsteam der Universität von British Colombia in Vancouver (Kanada), das "British Columbia Office of Health Technology Assessment", die bis 2012 weltweit einzige Übersichtsarbeit* zur sogenannten "Craniosacralen Therapie". Insbesondere wurde gerade die in den USA sehr verbreitete und populäre "Craniosacrale Therapie nach Upledger®" untersucht und hinterfragt. Die Studie ist kostenlos einsehbar. Sie wurde leider immer noch nicht ins Deutsche übersetzt und ist deshalb nicht besonders in den deutschen Sprachraum eingedrungen, obwohl Sie einigen Experten bekannt ist. Das Deutsche Ärzteblatt in 2009 zitiert diese Studie in Ihrem ausführlichen Bericht über die Bewertung von osteopathischen Verfahren in Deutschland (Literatur-Quelle Nr. 38).
Zitate aus der Übersichtsichtsarbeit vom British Columbia Office of Health Technology Assessment von 1999
1. Seite XI Executive Summary: "OVERALL CONCLUSIONS - This systematic review and critical appraisal did not find valid scientific evidence that craniosacral therapy provides a benefit to patients. Research methods are available which couldconclusively evaluate craniosacral therapy effectiveness. They have not been used to date. The available health outcome research consists of low grade of evidence derived from weak study designs. "Übersetzung: "Gesamtbeurteilung - Dieser systematische Überblick und kritische Begutachtung fand keine wissenschaftlichen Hinweise, dass Craniosacrale Therapie einen Nutzen gegenüber Patienten gewähren würde. Wissenschaftliche Untersuchungsmethoden, die eine überzeugende Wirksamkeit bewerten könnten, sind vorhanden. Sie wurden aber bis dato nicht benutzt. Die verfügbaren Ergebnisse der Gesundheitsforschung bestehen aus einer niedrigen Stufe von Beweiskraft verursacht durch schwache Studienausgestaltung".
2. Seite 40, 4.0 DISCUSSION & CONCLUSIONS: "This systematic review found there is insufficient scientific evidence to recommend craniosacral therapy to patients, practitioners or third party payers for any clinical condition."Übersetzung: "Dieser systematische Überblick fand heraus, dass es ungenügende wissenschaftliche Beweise gibt, um Craniosacrale Therapie gegenüber Patienten, medizinischem Fachpersonal oder Dritten {gemeint sind hier die Krankenkassen. Anmerk. des Übersetzers} für jedwede klinische Bedingung zu empfehlen."
3. Seite 40, 4.0 DISCUSSION & CONCLUSIONS: "The authors of this review also note that, in accord with a basic tenet of craniosacral therapy, there is evidence for a craniosacral rhythm, impulse or “primary respiration” independent of other measurable body rhythms (heart rate, or respiration). Avezaat & Eijndhoven ’86 (40) and Feinberg & Mark ’87 (46) used sophisticated technology to gain an understanding of the phenomenon. However, these and other studies do not provide any valid evidence that such a craniosacral “rhythm” or “pulse” can be reliably perceived by an examiner. Our review does not suggest any reasonable data that would allow such a conclusion. The influence of this craniosacral rhythm on health or disease states is completely unknown."Übersetzung: "Die Autoren dieser systematischen Arbeit bemerken, dass, in Übereinstimmung mit einem grundsätzlichen Lehrsatz der Craniosacralen Therapie, es Beweise für einen craniosacralen Rhythmus, Impuls oder eine "primäre Respiration" unabhängig von anderen messbaren Körperrhythmen gibt (Herzrate oder Atmung). Avezaat & Eijndhoven ’86 (40) and Feinberg& Mark ’87 (46) benutzen ausgeklügelte Techniken, um ein Verständnis für dieses Phänomen zu gewinnen. Es zeigte sich jedoch, dass diese und andere Studien keine gültigen wissenschaftlichen Beweise lieferten, dass solch ein craniosacraler "Rhythmus" oder "Impuls" verlässlich durch Untersuchende wahrgenommen würde. Unser Überblick zeigt keine vernünftigen Daten, die eine solche Schlussfolgerung erlauben würden. Die Bedeutung dieses Craniosacralen Rhythmus auf Gesundheits- oder Krankheitszustände ist vollkommen unbekannt."


Im Dezember 2012 kam dann endlich die zweite Übersichtsarbeit zur Craniosacralen Therapie von einem englischen Forscherteam heraus. Von den 235 recherchierten Studien wurden aufgrund ihrer schlechten Qualität nur 7 (sic!) Studien in die Übersichtsarbeit aufgenommen und von denen waren nur 3 randomisierte, klinische Studien. Die anderen 4 Studien waren lediglich Fallbeschreibungen (welche in der wissenschaftlich Beweiskraftskala an letzter Stelle stehen). Als einziges, gesichertes Ergebnis wurden ein leichter Nutzen der Craniosacralen Therapie in der Schmerz-Behandlung von Fibromyalgie gefunden, einem Krankheitsbild, das starke psychologische Komponenten hat und somit anfällig für Placeboeffekt ist. Im Wesentlichen unterscheidet sich das Gesamt-Ergebnis der zweiten Übersichtsarbeit jedoch nicht von dem der kanadischen Studie von 1999. Beide Reviews fordern mehr qualitativ brauchbare Studien (weil schlechte Studien gibt es en mass), um endlich eine bessere Beurteilung der Craniosacralen Therapie vornehmen zu können. Und solange es diese nicht gibt, kann man nur die bisherigen Ergebnisse heranziehen und aus denen ergeben sich keinerlei Wirksamkeit der Craniosacralen Therapie auf die Gesundheit.


Eine gute, randomisierte, klinische Studie neueren Datums mit 142 Teilnehmern, in der als Ergebnis festgestellt wurde, dass craniale Osteopathie keine statische signifikante Verbesserung in den motorischen Funktionen, Schmerz, Schlaf oder Lebensqualität bei Kindern mit Cerebralparese zwischen 5-12 Jahren gefunden werden konnte. Zitat: "Conclusions: This trial found no statistically significant evidence that cranial osteopathy leads to sustained improvement in motor function, pain, sleep or quality of life in children aged 5–12 years with Cerebra palsy nor in quality of life of their carers". 
Die Craniosacrale Therapie stützt sich bis heute nur auf sogenannte Autoritätenmeinungen. In Deutschland zum Beispiel auf die von Gertie Groot Landeweer (Person mit dem halbvollen Weinglas und Ring am kleinen Finger, in der Mitte stehend auf der Pearls of Wisdom Party des Upledgers-Instituts / Florida / USA im April 2015) dem Hauptleiter des Upledger Instituts Deutschland und leider nicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse, obwohl immer gerne von den Glaubensanhängern der Craniosacralen Therapie das Gegenteil behauptet wird. 
Die Grabschrift für eine auf Autoritätsmeinung gestützte Medizin schrieb Prof. E. Ernst bereits im Jahr 2001. Sie ist sehr lesenswert und das Buch höchst informativ. Es hat an Aktualität nichts verloren. Auf der einen Seite hat sich also an der Beweislage seit der kanadischen Studie aus 1999 nichts Wesentliches im Wissenszuwachs um die Craniosacrale Therapie geändert. Auf der anderen Seite treten aber immer mehr Anbieter auf den Fortbildungs-Markt und bieten Craniosacrale Therapie an. Hier liegen handfeste wirtschaftliche Interessen dahinter, denn der Fortbildungsmarkt boomt und unter Physiotherapeuten herrscht ein regelrechter Fortbildungswahn. Daran halten sich auch die Berufsverbände gütlich. 
Das Upledger Institut Deutschland z.B. hat seit dem Jahr 2000 eine angebliche "Forschungsgruppe" über Craniosacrale Therapie ins Leben gerufen, die bis heute jedoch nicht eine einzige Studie veröffentlich hat. Was diese mysteriöse Forschungsgruppe treibt, bleibt auch völlig im Dunkeln. Nur eine Kontaktperson wird genannt. Das Upledger Institut Florida / USA hat daneben ein weltweites Netz von Dependancen aufgebaut und verkauft massenhaft Kurse in Craniosacraler Therapie, ebenfalls ohne beweiskräftige Studien hervorzubringen. Das braucht es auch nicht, denn zumindest in Deutschland kann jeder beliebige Anbieter Craniosacrale Therapie unterrichten und Zertifikate erstellen, weil es keinerlei (gesetzliche oder behördliche) Regularien hierzu gibt. Einzig das Heilpraktikergesetz und das Heilmittelwerbegesetz setzen hier eine "Demarkationslinie". Siehe die diesbezüglichen Urteile aus dem Jahr 2008, 2012, 2013 und 2015 oder einen Beschluss aus dem Jahr 2012.

Rechtlicher Hinweis zur CST ohne jegliche Gewähr und keine Rechtsberatung ersetzend: Es gibt keine ärztlichen Verordnungen für Craniosacrale Therapie und somit gibt es auch kein Delegationsverfahren für CST. Es gibt auch keine Craniosacralen Techniken, die nur annähernd einer physiotherapeutischen Technik entsprechen würde. Bei der Osteopathie gibt es erhebliche Zweifel, ob ein sogenanntes Delegationsverfahren (Arzt / Heilpraktiker stellt Rezept aus) rechtmässig ist. In dem Urteil des OLG-Düsseldorf vom 8.5.2015 wurde das Delegationsverfahren für die Osteopathie untersagt.



Weitere gut recherchierte Beiträge finden sie hier.




überarbeitet am 10.12.2017

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