Vernichtende Kritik an der Osteopathie und Craniosacrale Therapie, 1. Teil - Die persönliche Irreführung

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Craniosacrale Therapie / Osteopathie - kritischer Blogbeitrag eines ehemals Praktizierenden der Craniosacralen Therapie, insbesondere des Upledger®-Ansatzes*

Möglichkeiten und Grenzen der menschlichen Wahrnehmung

Was kann man mit seinen Händen wahrnehmen? Wo sind die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung? Man kann die Haut eines Anderen fühlen, ihre Qualitäten wie Weichheit, Feuchtigkeit, Trockenheit, Wärme, Kälte oder den Tonus, die innewohnende Spannung der Muskulatur und anderer Gewebe. Man kann Verhärtungen spüren, Myogelosen, Hartspann oder andere pathologischen Veränderungen im muskuloskeletalen System oder im Bauchraum, den Pulsschlag der Arterien fühlen, den Herzschlag und die Atembewegungen. Was kann man darüber hinaus spüren? Kann man auch etwas spüren, das weder messbar noch nach allen ernsthaften physiologisch-anatomischen Erkenntnissen nachvollziehbar ist? Es geht um den sogenannten "Craniosacralen Rhythmus" (kurz "CSR") oder Craniosacralen Impuls. Es gibt Wissenschaftler die behaupten, es gäbe unsichere Hinweise, dass es einen von Herzschlag und Atmung unabhängigen Rhythmus im Körper gibt. Der "CSR" bildet das Fundament der "Osteopathie" und der infolge der sogenannten "Craniosacralen Therapie", die historisch und methodisch aus der Osteopathie hervorgegangen ist und insbesondere von dem amerikanischen Arzt Dr. John Upledger (†) zu einem weltweit vermarkteten und markenrechtlich geschützten Behandlungskonzept ausgearbeitet wurde.

Widersprüchliche Ergebnisse in den wissenschaftlichen Untersuchungen

In den wenigen brauchbaren Studien zum Craniosacralen Rhythmus wurde jedoch unzweifelhaft nachgewiesen, dass selbst erfahrene Untersucher - langjährige Osteopathen - den "CSR" nicht verlässlich wahrnehmen können. Wissenschaftler nahmen die Existenz des Craniosacralen Impulses in einer Studie als gegeben an und ließen ihn durch sehr erfahrene Osteopathen bei unterschiedlichen Testpersonen fühlen und beschreiben (s.o.). Das Ergebnis dieser Studie war, daß es praktisch keine Übereinstimmungen in den Tastbefunden gab. Das ist erstaunlich. Subjektiv konnte der Craniosacrale Puls von jedem Behandler angeblich klar gefühlt werden, aber er war nicht zuverlässig ("not reliable"). Wie kamen die Behandler zu ihrem Tastergebnis? Und welche Erklärung gibt es für das Ergebnis der Studie? Entweder es gibt einen craniosacralen Impuls und dieser ist fühlbar, wechselt aber offensichtlich von Behandler zu Behandler - was einer plausiblen Erklärung bedarf - oder es gibt gar keinen solchen Impuls und die Behandler haben entweder gelogen oder phantasiert oder beides. Das sind die logischen Möglichkeiten.

Phantasie ist offenbar alles und überwindet jeglichen Zweifel
Was hat es mit der Phantasie auf sich? Wenn man die Augen schliesst und sich intensiv und mit allen zur Verfügungen stehenden Sinnesqualitäten einen Urlaub am Meer oder die Begegnung mit einer imaginären Person vorstellt oder ob man das gerade - also jetzt real erlebt - ist für das Gehirn ein und dasselbe. Das Gehirn kann zwischen Tatsächlichem und intensiv Vorgestelltem nämlich nicht unterscheiden! Die Cyber-Welt lässt grüssen. Das sind die aktuellen Ergebnisse der Gehirnforschung. Wenn man sich also rhythmische Bewegungen der Schädelknochen vorstellen kann, dann kann man sie auch irgendwann fühlen. Das ist nur eine Frage der inneren Bahnung. Prof. Pawlow hilft dabei, solche eine Lernprozesse zu verstehen. Das hat aber mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Genauso könnte man einen aufgeblasenen Luftballon nehmen und könnte irgendwann fühlen, wie der sich ausdehnt und zusammenzieht - bei gleicher Raumtemperatur versteht sich. Oder man berührt den dicken Baumstamm einer Buche; auch der wird irgendwann anfangen zu pulsieren. Warum? - weil man den Pulsschlag in seinen Händen spürt. Das ganze Theorie-Gebäude der modernen Osteopathie und der Craniosacral-Therapie, das auf der Annahme eines "Craniosacralen Rhythmus" fusst ist, ist demnach hinfällig und - aller Wahrscheinlichkeit nach - auch vollkommen falsch. In einer sogenannten Übersichtsarbeit (engl. "Systematic Review") der kanadischen Gesundheitsbehörde von 1999 wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es gute Methoden gäbe, die einem hohen wissenschaftlichen Standard entsprächen und zum Testen der Craniosacralen Therapie auch gut anwendbar wären. Aber nur wenige Wissenschaftler produzieren hochqualitative Studien zur Osteopathie / Craniosacralen Therapie. Was mögen die Gründe hierfür sein?

Weltweite Infektion mit dem "Craniosacral-Virus"
Auf der anderen Seite haben die Anwender, die von der Existenz eines "Craniosacralen Rhythmus" überzeugt sind und vorgeben, ihn ganz klar mit Ihren Händen zu spüren und therapeutisch damit erfolgreich arbeiten zu können, nicht eine einzige bedeutsame Studie von akzeptabler wissenschaftlicher Qualität hervorgebracht, die auch nur den geringsten Zweifel an der Nicht-Existenz des "Craniosacralen Rhythmus" oder der Unwirksamkeit der "Craniosacralen Therapie" insgesamt hervorbringen würde. Wieso behaupten dann so viele "Osteopathen" und vermeintliche "Craniosacral-Therapeuten" weltweit, dass Sie den "Craniosacralen Rhythmus" spüren können? Die Antwort hierzu findet man vielleicht in der Ausbildung bzw. in der Herangehensweise, wie das Konzept der Osteopathie / Craniosacralen Therapie - auch Craniale Osteopathie, CSO genannt - grundsätzlich vermittelt wird.

Gehirnwäschenstrategie in Fortbildungs-Kursen
In den Kursen wird generell davon ausgegangen, dass es so etwas wie den "Craniosacralen Rhythmus" gibt. Es wird damit gleich zu Beginn eine positive Erwartungshaltung bei den Teilnehmern erzeugt, so dass bei diesen nur schwer ein kritisches Hinterfragen aufkommen kann. Psychologisch werden hier ideale Nährboden für eine illusorische Korrelation und eine selbsterfüllende Prophezeiung geschaffen. Die Kurse gibt es auch nicht gratis und jeder Kursteilnehmer will damit später auch wieder Geld verdienen. Klingt trivial, kann man aber nicht einfach als unwichtig abtun, denn Motivation und Zielvorstellungen beeinflussen die Wahrnehmung. Eventuell doch auftretende kritische Stimmen in den Kursen werden entweder geschickt mit stereotypischen Sätzen wie "...darauf kommen wir später noch darauf zu sprechen..." umgangen oder man "bearbeitet" diese Leute in Einzel-Coachings so lange, bis Sie schliesslich klein beigebe und doch noch etwas fühlen. Das kann dann als ein wundersames Aha-Erlebnis zusammen mit den anderen Kursteilnehmern verinnerlicht werden. Da kommt also Freude auf. Das ist Teil einer "Gehirnwäschen-Strategie" mit denen die Teilnehmer in eine Art kollektive Trance versetzt werden. Nach ein bis zwei Tagen haben dann mindestens 95% der Kursteilnehmer den "Craniosacralen Rhythmus" in Kurs 1 gespürt. Und diese Trance ist so nachhaltig, dass sie über Jahre oder gar Jahrzehnte wirkt. Deshalb schwören so viele Therapeuten später "beinhart", dass sie etwas spüren.

Gerade körperlich orientierte Therapeuten (z.B. Ärzte, Physiotherapeuten, Heilpraktiker etc.) sind prädestiniert "etwas" zu spüren, weil Spüren und Fühlen zu ihren täglich angewendeten Methoden gehören und ihre Fühlfertigkeiten - Palpation genannt - besonders ausgebildet sind. Bei diesen Berufsgruppen fällt also die Suggestion eines "Craniosacralen Rhythmus" auf sehr, sehr fruchtbaren Boden. Und wer ein kollektives Fühl-Erlebnis des Craniosacralen Rhythmus im ersten Kurs hatte, ist sehr stolz auf sich und will natürlich weitermachen! Klingt wieder trivial, aber garantiert den Fortbestand der Illusion. Und wer den "Craniosacralen Rhythmus" einmal - scheinbar - gespürt hat, hinterfragt ihn garantiert auch hinterher nicht mehr. Das bleibt als "posthypnotische Suggestion" hängen. Diejenigen, die eventuell doch hinterfragen und kritisch bleiben, brechen entweder den laufenden Kurs ab oder besuchen nach dem ersten Kurs keine weiter Kurse, weil Sie den Schwindel durchschaut haben. Der Auslesemechanismus bei den verbleibenden Teilnehmern, ist hier so streng, dass damit eine hohe Konsistenz und überzeugte Glaubens-Anhängerschaft erzeugt wird. Scientology lässt herzliche Grüsse ausrichten. Hinter diese ganze Irreführung und Manipulation blickt man allerdings erst, wenn man aus der Trance aufgewacht ist und dann die ganze Sache noch einmal - diesmal kritisch - überdenkt und hinterfragt. Das ist mit dem Prozess zu vergleichen, wie wenn man sich aus dem Gedankengebäude einer Sekte befreit hat. Der Nachteil davon ist, dass man dann allerdings auch keinen "Craniosacralen Rhythmus" mehr spürt! Kein schönes Pulsieren mehr.

Carpenter-Effekt
Carpenter hat schon vor mehr als 100 Jahren herausgefunden, daß die blosse Vorstellung einer Bewegung dieselbe auslöst! Scharlatane, die mit einem sogenannten Pendel arbeiten, nutzen genau dieses Phänomen für sich, in sie dem Klienten / Kunden / Patienten damit suggerieren, eine von aussen objektive Kraft würde auf des Pendel einwirken. Es ist genau diese Erkenntnis, die in den Kursen für Craniosacrale Therapie benutzt wird. "Wenn Du den Craniosacralen Rhythmus noch nicht fühlen kannst, dann stelle ihn Dir vor" ist so ein stereotypischer Satz, den man in den Anfängerkursen oft zu hören bekommt. Oder "Mache Dich frei, schalte Dein kritisches Denken einmal aus, öffne Dich für die neue Erfahrung", "Let it flow", "Lasse den Rhythmus zu Dir kommen" usw. usf. Positiv voreingestimmte Kursteilnehmer mit einer hohen Erwartungshaltung lassen sich von solchen Suggestionen leicht beeinflussen und es werden so fest im Bewusstsein verankerte Halluzinationen erzeugt, aus denen schliesslich mit jeder Anwendung tiefe Überzeugungen werden.

Placebo und Co.
Was bleibt nun von der Craniosacralen Therapie übrig, wenn man den ganzen "Hokuspokus" abzieht? Dann bleiben in jedem Fall die Empathie des Therapeuten und eine einfühlsame, professionelle Berührung in einer meist sehr entspannenden Atmosphäre in einem "sicheren Raum" (sicher von Ausseneinflüssen) übrig. Man weiss heute, das allein diese drei Faktoren erheblich zu einem Heilungsverlauf beitragen können, die man auch unter dem Sammelbegriff "Placebo" zusammenfasst. Doch das beweist aber nicht die Wirksamkeit von Craniosacraler Therapie. Eine craniosacrale Sitzung dauert i.d.R. zwischen 45 und 75 Minuten und kostet zwischen €45.- bis €250.- (ja, richtig gelesen. Es gibt Therapeuten im Freiburger Raum, die soviel für eine CST-Spezialsitzung für nehmen).
Wer verbringt sonst noch soviel Zeit mit einem Patienten, hört aufmerksam und einfühlsam zu und berührt den Patienten professionell? Psychologen reden "nur" und hören zu. In einer craniosacralen Sitzung findet beides statt, Gespräch und Berührung, weshalb in den späteren Kursen auch gesprächstherapeutische Techniken vermitteln werden. Die Grenze zu einer rechtsmissbräuchlichen Psychotherapie ist hier fliessend. Bei den Berührungen können Wärmephänomene vom Patienten genauso wie vom Therapeuten wahrgenommen werden. Das bestärkt beide im Glauben, das "etwas" passiert ist. Als Ergebnis einer typischen craniosacralen Sitzung passiert es auch wirklich nicht selten, dass eine den ganzen Körper durchziehende Entspannungsreaktion eintritt, die mit einer Aktivierung des parasympathischen Teils des Nervensystems 
einhergeht. Diese Reaktion leistet mit Sicherheit einen nicht unerheblichen Teil zur vermeintlichen Gesundung bei. Dieses Placebo-Setting als "Craniosacrale Therapie" zu vermarkten ist nicht nur sehr geschickt, sondern fördert garantiert das Einkommen, denn Craniosacrale Behandlungen müssen selbst bezahlt werden, weil weder private noch gesetzliche Krankenkassen die Kosten hierfür übernehmen.

Anhang
Dieser Artikel soll dazu dienen, potentielle KursteilnehmerInnen zu informieren, aber auch zu warnen! Wer also trotzdem am "Craniosacralen Rhythmus" festhält, tut es auf eigene Verantwortung und Halluzination. Glaube versetzt ja bekanntlich Berge. Solange sich mit Osteopathie- oder Craniosacral-Kursen allerdings viel Geld verdienen lässt, denn diese Kurse sind richtig teuer, solange wird es auch immer wieder neue Anhänger, Verteidiger und Eingeschworene geben.

Rechtlicher Hinweis ohne jegliche Gewähr und keine Rechtsberatung ersetzend: Osteopathie und Craniosacrale Therapie oder Osteopathische Therapie dürfen in Deutschland nur von approbierten Ärzten und (Voll-) Heilpraktikern angeboten und durchgeführt werden. Darauf weist jetzt sogar nach einigen Abmahnungen und etlichen Strafanzeigen das Upledger Institut Deutschland hin. 

Es gibt keine ärztlichen Verordnungen für Craniosacrale Therapie und somit gibt es auch kein Delegationsverfahren. Es gibt auch keine sogenannten "Craniosacralen Techniken", die auch nur annähernd physiotherapeutischen Techniken entsprechen würden. Bei der Osteopathie gibt es erhebliche Zweifel, ob ein sogenanntes Delegationsverfahren (Arzt / Heilpraktiker stellt Rezept aus) rechtmässig ist. Das OLG Düsseldorf hat dieses nun in seinem am 8.9.2015 ergangenen Urteil verneint.

Quellen / Literatur

Fachartikel: Kraniosakraler Rhythmus - Was ist dran?
Übersichtsarbeit: A systematic review and critical appraisal of the scientific evidence on craniosacral therapy
Wissenschaftliche Studie: Cranial osteopathy: its fate seems clear.
Veröffentlichung Deutsches Ärzteblatt: Wissenschaftliche Bewertung osteopathischer Verfahren.
Buch: "Praxis Naturheilverfahren".
http://www.manualtherapyjournal.com/article/S1356-689X(03)00099-7/abstract
http://faculty.une.edu/com/shartman/sram.pdf
http://diepresse.com/home/leben/gesundheit/473836/Das-Kind-ist-nicht-geerdet

James Randi Stiftung / USA

Teil 2 der Kritik an der Osteopathie / Craniosacrale Therapie können Sie hier lesen
>>> http://relaxman-redaktion.blogspot.de/2013/11/grabschrift-fur-die-craniosacrale.html

Siehe auch einen aktuellen Post im Blog von Prof. Ernst Die Tricks der Scharlatane, Teil 3

*Der Blog-Autor hat eine 10-jährige Ausbildung in Craniosacral-Therapie mit über 1.500 Fortbildungsstunden erst durch das Upledger Institut Deutschland und USA, dann durch die Otho-Uta Akademie Köln und dem Karuna Institut von Franklin Sills, Devon / England absolviert, bietet "Craniosacrale Therapie" aber seit Januar 2009 nicht mehr als Behandlungsmethode an. Er klärt aber gerne interessierte VerbraucherInnen und KollegInnen nun kritisch über diese Fake-Methode auf. Craniosacrale "Therapie" ist keine Therapie, denn sie heilt nicht! Höchstens der Geldbeutel des Ausübenden wird "geheilt". Dem Patienten wird dagegen Heilung vorgegaukelt. Nach einer "Sitzung" eigentlich besser "Liegung" fühlt sich jeder etwas besser. Warum? Man konnte 1 Stunde mal schön entspannen. In unserem hektischen und stressvollen Alltag ist das wie ein Tag Urlaub. Das können Sie aber bei Ihrer thailändischen Wellness-Massagistin auch, zahlen jedoch nur einen Bruchteil einer CST-Fake-Behandlung. Und die Thailänderin gaukelt Ihnen auch nichts von wegen Heilung, Energiezysten, craniosacraler Ur-Energie, obskuren Selbstheilungsmechanismen usw. usf. vor.

überarbeitet am 10.12.2017

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