Ist "Craniosacrale Therapie" Betrug am Patienten? - Expertenmeinungen

Definition #Betrug: Bewusste Täuschung, Irreführung einer anderen Person.

"Craniosacrale Therapie" ist mittlerweile eine sehr beliebte Behandlungsmethode bei Erwachsenen und Kindern / Säuglingen und durch alle Bevölkerung- und Bildungsschichten hindurch. Sie ist eine Teil- bzw. Unter-Methode der sogenannten Osteopathie und wird auch "Craniosacrale Osteopathie" genannt. Die Zuordnung ist wichtig zum Verständnis. In diesem Blogbeitrag gebe ich einen kurzen Überblick über kritische Beiträge Dritter zu dieser scheinmedizinischen Methode, die sich selbst "Therapie" nennt, aber beweisbar nicht über eine Entspannungsreaktion hinauskommt.

Buch "Praxis Naturheilverfahren" von Ed. Ernst / UK
In seinem Buch "Praxis Naturheilverfahren" schreibt Prof. Ernst in seinem Vorwort, dass dieses Buch die "Grabschrift für eine auf Autoritätsmeinung gestützte Medizin" ist. Dazu zählt er auch die Osteopathie und die Craniosacrale Therapie. Auf den Seiten 69-71 stellt er seine Untersuchungsergebnisse für Craniosacrale Therapie dar, die im Wesentlichen auf Analysen von in den grossen, bekannten medizinischen Datenbanken recherchierten Veröffentlichungen von wissenschaftlichen Studien weltweit beruhen. Seine Zusammenfassung beschreibt er so: "Es gibt keinen guten dokumentierten Nutzen der Therapie, der über unspezifische Effekte (z.B. Placeboeffekt) hinausgeht; verschiedene direkte und indirekte Risiken sind aber mit Ihr verknüpft. Insgesamt kann die Kraniosakraltherapie daher für keine Indikation empfohlen werden. "Als eine Literatur-Quelle gibt er auch die Übersichtsarbeit ("Systematik Review") der kanadischen Gesundheitsbehörde von 1999 an. Vorsichtige Bewertungen zur Craniosacralen Therapie und Osteopathie der hiesigen Ärzteschaft aus 2009 beinhalten einen Hinweis auf die schlechte Qualität der bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen und der Forderung nach besseren Studien, im Idealfall randomisierte, placebo-kontrollierte, klinische Studien (kurz: RKS). Die wenigen RKS, die es gibt, kommen meist zu einem indifferenten oder negativen Ergebnis für die Craniosacrale Therapie / Osteopathie. Eine gute, aktuelle Studie finden Sie hier.
{Im Übrigen ist es eine beliebte Verschleierung- und Verzögerungstaktik der osteopathischen Lobby immer wieder neue Studien zu fordern, um so einer endgültigen Beurteilung zu entgehen (genauso gehen auch die Lobbyisten in der Homöopathie vor)}

Stellungnahme "Deutsche Gesellschaft für Neuro-Pädiatrie"

Bemerkenswert ist Feststellung der Deutschen Gesellschaft für Neuro-Pädiatrie in der ausdrücklich durch namhafte deutsche Pädiater, also Fachärzte für Kinderheilkunde, dokumentiert wird, dass es sich bei der "Craniosacralen Therapie" um nicht mehr als eine Art Massage handelt, die als Therapie für Lern- und Entwicklungsstörungen abzulehnen sei. 

Kritischer Artikel von C. Goldner

Der Autor Colin Goldner schreibt in seinem Artikel in der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2010: "Craniosakrale Manipulation von Schädel und Wirbelsäule muss deshalb als kostspieliger und zugleich gefährlicher Unfug gewertet werden".

Stellungnahmen Prof. Ed. Ernst / UK in seinem Blog

Die deutlichste Aussage macht Prof. Ernst in seinem Blog. Er schreibt: "CST {Craniosacrale Therapie} has therefore been considered by most independent experts to be on the lunatic fringe of alternative medicine (engl. lunatic: verrückt, wahnsinnig - engl. fringe: Rand). Randgebiet und weiter: CST is often advocated for children, particularly those suffering from cerebral palsy - this sort of lingo might sound impressive; to anyone understanding a bit of physiology, anatomy etc. it looks like pure nonsense. (engl. pure nonsense: absoluter Unsinn, Blödsinn, Unfug). The conlusion of my review was blunt and straight forward: the notion that CST is associated with more than non-specific effects is not based on evidence from rigorous randomised clinical trials“. This is a polite and scientific way of saying that CST is bogus (engl. bogus: betrügerisch, gefälscht, schwindlerisch, simuliert, unecht).

Stellungnahme des National Council Against Health Fraud / USA
Bereits 1998 hat der Nationalrat gegen Gesundheitsbetrug (National Council Against Health Fraud) in den USA folgendes Statement abgegeben: "... that “cranial osteopathy is more a belief system than a science.” Übersetzung: "...dass craniale Osteopathie mehr ein Glaubenssystem als Wissenschaft ist." (Quelle: Cranial Manipulation Therapo: Information for Prudent Consumer From the National Council Against Health Frau Inc. Loma Linda, Calif: National Council Against Health Fraud Inc; 1998).  Die Autoren dieses Hinweises der amerikanischen Gesundheitsbehörde haben selbst Forschungen unternommen und überprüft, inwieweit palpatorische Untersuchungsergebnisse von verschiedenen, erfahrenen Osteopathen verglichen werden können. Das Ergebnis war desaströs, siehe hier. Jeder Untersucher hat nämlich etwas anderes "gefühlt".  Die Autoren schreiben "We are not characterizing craniosacral therapy as just another approach to health care about which knowledge is incomplete. To the contrary, we believe that craniosacral therapy bears approximately the same relationship to real medicine that astrology bears to astronomy. That is, this approach to “health care” is medical fiction, and it is not appropriate to teach fiction as part of medical or allied health curricula. We intend no disrespect for practitioners who may feel that their professional identities are challenged by our views. However, until researchers have replicated demonstrations of efficacy—using properly controlled scientific trials—we believe that craniosacral therapy/cranial osteopathy should be removed from all medical and allied health curricula." Übersetzung:" Wir charakterisieren Craniosacrale Therapie nicht als bloss einen weiteren Ansatz zur Gesundheitspflege, dessen Erkenntnisse unvollständig ist. Im Gegenteil, wir glauben, dass Craniosacrale Therapie annähernd dasselbe Verhältnis zur Schulmedizin hat, wie Astrologie zur Astronomie. Das bedeutet, dass dieser Ansatz zur Gesundheitspflege medizinische Fiktion ist und es nicht angemessen ist, Fiktionen als Teil des medizinischen Curriculums zu unterrichten. Wir beabsichtigen keine Respektlosigkeiten gegenüber Praktizierenden, die durch unsere Sichtweise in Ihrem beruflichen Tun herausgefordert werden. Jedoch, bis Wissenschaftler wiederholt die Wirksamkeit - mit angemessen kontrollierten wissenschaftlichen Versuchen - aufgezeigt haben, hielten wir es für besser, dass Craniosacrale Therapie / Craniale Osteopathie aus allen medizinischen und angrenzenden Fachausbildungen entfernt werden sollte."

Biographische Angaben zum Blog-Autor 

Ehemaliger "Auszubildender" / Kursteilnehmer des Upledger Instituts in den Jahren 1998-2000. Nachdem ich meine Ausbildung in "Manueller Therapie" bei der D.G.M.M., Ärzteseminar-Isny im Jahr 1997 mit der Zertifizierung erfolgreich abschloss, fragte ich meinen damaligen Ausbilder, was ich denn jetzt noch "obendrauf" setzen könnte und er flüsterte mir nur ein Wort ins Ohr: "Craniosacrale-Therapie"
1997 las ich dann in einer Anzeige in der physiotherapeutischen Fachzeitschrift des ZVK, Köln den Spruch "Back to the roots" - "Upledger Craniosacrale Therapie" und buchte ihn. Als ich dann die "Upledger Craniosacrale Therapie" im CST-1 Kurs in Neuss im Frühjahr 1998 kennenlernte (Kursleiter war Bernard Voss, Hamburg), war ich wie in Trance  von den Vorgängen und Reaktionen im Kurs. Ich dachte, mit dieser Methode vielleicht so etwas wie einen "goldenen Schlüssel" für viele zukünftige Erfolge als Physiotherapeut in Händen zu halten. Das war - rückblickend - ziemlich naiv, einfältig und sehr dumm!!! In der Zeit von 1998 bis 2000 besuchte ich dann viele Kurse des Upledger Instituts Deutschland und legte noch im selben Jahr (Ende 1998) zusammen mit vier anderen "Auszubildenden" als einer der ersten in Deutschland erfolgreich das Examen "Upledger Craniosacrale Therapie®, Technique Level" in München ab. Prüfer war der damalige und heutige Hauptleiter des Upledger Instituts Deutschland, Gertie Groot Landeweer (das ist die Person in der Mitte mit halbvollem Weinglas und Ring am kleinen Finger). Ende 1999 eröffnete ich dann eine "Privatpraxis für Craniosacrale Therapie" zusammen mit einer Kollegin aus Essen (die mittlerweile aktive Dozentin im Upledger Institut geworden ist), in der ich im Laufe der Jahre scheinbar auch einige wirklich spektakuläre Heilerfolge erzielt habe, nahm als Assistent in einigen CST-1 und CST-2 Anfängerkursen des Upledger-Instituts - auch im Ausland teil - und besuchte 2001 das Upledger-Institut in Palm Springs Garden / Florida, wo ich an vielen Behandlungen teilnahm. Dort lernte ich Dr. Upledger auch persönlich kennen.
Von Freunden, Kollegen oder insbesondere Ärzten immer wieder vorgetragene Skepsis begegnete ich beharrlich mit den Argumenten, die ich in den Kursen als "sachliche"Gegenargumentation regelrecht eingetrichtert bekommen hatte. Rückblickend erinnert mich vieles, was ich im Upledger-Institut sowohl in Deutschland als auch in den USA erlebt habe, insbesondere die Führungs- und Kommunkationsstrukturen und unbeirrbare Hingabe an die CST-Führer an Scientology. Die erlösende Skepsis kam - zwar sehr langsam, über viele Jahre hinweg, sich aber immer mehr verstärkend - und dass, obwohl ich viele weitere Kurse in insgesamt drei Ausbildungen in CST an drei Instituten (Upledger-Institut Lübeck und USA, Osho-Uta Akademie Köln und Karuna Institut, Devon / England) absolviert hatte, mit insgesamt über 1500 Fortbildungsstunden in 10 Jahren.
Der endgültige Bruch mit Craniosacrale Therapie und damit das Ende einer Art von "kognitiver Dissonanz" kam schliesslich im Januar 2009, als ich in einer spontanen Erkenntnis unwiderruflich feststellen musste, dass ich einem Schwindel und einer sehr subtilen, aber ihrem Wesen nach sehr üblen Manipulation, aufgesessen bin. Es war, wie als ob ich aus einer Trance aufgewacht war. Ähnliches berichten ausgestiegene, langjährige Scientologen auch. Weitere Links hier und hier.



Rechtlicher Hinweis zur "Craniosacrale Therapie" ohne jegliche Gewähr und keine Rechtsberatung ersetzend: es gibt keine ärztlichen Verordnungen für Craniosacrale Therapie und somit gibt es auch kein Delegationsverfahren für Craniosacrale Therapie. Es gibt auch keine Craniosacralen Techniken, die auch nur annähernd einer physiotherapeutischen Technik entsprechen würde. Bei der Osteopathie gibt es erhebliche Zweifel, ob ein sogenanntes Delegationsverfahren (Arzt / Heilpraktiker stellt Rezept aus) rechtmässig ist. Das OLG Düsseldorf hat das Delegationsverfahren in seinem Urteil vom September 2015 untersagt. Das Gesundheitsheitsamt Düsseldorf hat sich dem OLG Urteil vollumfänglich angeschlossen. Andere Gesundheitsämter vertreten aber trotz dieses Urteils nicht selten eine ganz andere Rechtsansicht, z.B. das GA Essen. 

Quellen / Medien:

http://edzardernst.com/2016/07/common-tricks-of-the-quackery-trade-part-1/
http://edzardernst.com/2016/07/the-tricks-of-the-quackery-trade-part-2/

http://www.quackwatch.com
http://www.neuro24.de/show_glossar.php?id=366
http://www.arznei-telegramm.de/zeit/0310_b.php3
http://www.neuro24.de/info.htm
http://ptjournal.apta.org/content/82/11/1146.full#xref-ref-11-1
http://sekten-info-nrw.de/index.php?option=com_content&task=view&id=31&Itemid=40
http://diepresse.com/home/leben/gesundheit/473836/


https://www.youtube.com/watch?v=bEVnedDMeds
https://www.youtube.com/watch?v=eD-O-YGn9Qg

Aktueller Artikel aus der Zeit-Online vom 18.8.2016: http://www.zeit.de/2016/33/osteopathie-babies-orthopaedie-gesundheit-medizin-saeuglinge/seite-1


Weitere gut recherchierte Beiträge finden sie hier.

                                                                                                                             
umfassend überarbeitet 4.12.2017

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