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Es gibt keine fundierten wissenschaftlichen Studien zur Craniosacralen Therapie aus Deutschland

Warum verbreitet sich die Craniosacral Therapie (CST) in Deutschland bei Verbrauchern (Patienten) und Therapeuten quasi epidemieartig, obwohl es seit 15 Jahren fundierte Kenntnisse gibt, die der CST Wirkungslosigkeit bescheinigen?
Im Gegensatz zum deutschen Sprachraum mehren sich im angelsächsischen Raum die kritischen Stimmen. Woran liegt das? - Wenn man nach Stichworten wie „klinische Arbeiten, Craniosacrale Therapie, wissenschaftliche Belege, Beweise etc.“ googelt, stösst man vorwiegend auf englische  Studien. Es gibt offensichtlich keine klinischen Studien aus Deutschland. Auf redaktionelle Anfrage hat die Carl und Veronika Carstens Stiftung bestätigt, dass deutsche Studien sehr rar sind. Sie selbst konnte nur eine einzige Studie in Ihrer Datenbank finden. Medizinische Studien nach dem sog. Goldstandard, aus denen einen Wirksamkeitsnachweis für die CST abgeleitet werden könnte, gibt es überhaupt nicht! Die beiden einzigen Übersichtsarbeiten (engl. "Review") kommen zu dem Schluss, dass es keine Beweise für die Wirksamkeit von CST gibt. Siehe meine vielen anderen Beiträge hierzu.
Warum ist das so? Ein möglicher Grund wären fehlende finanzielle Mittel, aber das ist ziemlich unwahrscheinlich. Es liegt wahrscheinlich eher daran, dass einfach kein hinreichendes Interesse besteht, kritische „Nach-Forschungen“ anzustellen (denn „Vor-Forschungen“ hat es ja in England und den USA schon genug gegeben). Vielleicht liegt es auch daran, dass die Kritik aus dem angelsächsischen Sprachraum bis jetzt bei potentiellen Entscheidungsträgern im deutschen Sprachraum nicht richtig angekommen ist. Zwar gab es 2009 eine Bewertung der Deutschen Ärzteschaft zu osteopathischen Verfahren, die fällt aber für die CST eher unspezifisch und unkritisch aus, ist veraltet; die darin zitierten Gutachten sind aus dem Jahr 2007! Auch die diesbezügliche Rechtsprechung nach dem Jahr 2008 blieb unberücksichtigt. Man äussert sich in dem Gutachten sehr vorsichtig und sagt lieber, dass weitere Studien notwendig sind, anstelle die CST aufgrund der bisher vorgelegten Beweise als Humbug zu beurteilen und sie somit aus dem medizinischen Curriculum auszuschliessen. 
Gerade in Deutschland ist der Boden für allerlei sonderliche, pseudomedizinische Behandlungsformen besonders fruchtbar. Es gibt einen sehr weit verbreiteten und alle Bevölkerungsschichten durchziehenden Glauben an die sogenannte sanfte oder Naturmedizin, der seinen Ursprung u.a. in der Lebensreformbewegung hat, die die Nazis später benutzen, um Ihre Ideologie damit anzureichern. Vollkornpolitik und Homöopathie wurden z.B. durch die Nazis stark gefördert. Um Bäcker zu zwingen, mehr Vollkorn zu verbacken gab es den sogenannten Reichsvollkornerlass. Nirgendwo in Europa gibt es wohl heute noch so viele Vollkornbäcker wie in Deutschland. Die Geschichte der Homöopathie aus der Zeit 1933-45 ist bis heute nicht vollumfänglich geschichtlich aufgearbeitet worden. Bemerkenswert ist jedoch, dass es in jener Zeit durchaus auch schon kritische Stimmen aufgrund der negativen Ergebnisse aus den klinischen Studien gab (siehe insbesondere die später veröffentlichte Schrift des Dr. Fritz Donner, der Zugang zu den Studienergebnissen hatte. Der Originalbericht ist bis heute verschollen). So ist auch der deutsche Heilpraktiker (seit 1938) einzigartig in Europa und genauso ein Relikt aus der Zeit des Nationalsozialismus. Auch die Anthroposophische Medizin (in erster Linie Kräutermedizin) ist in Deutschland fest bei den Verbrauchern als medizinische Behandlungsmethode verankert.
Mit Werbeaussagen, die manchmal wie Worte aus dem Munde von Propheten klingen, werden die an sich wirkungslosen Therapie geschickt beworben. Man lese sich nur einmal das Statement durch, dass auf der Webseite der Upledger-Organisation zu finden ist. Ähnliche mystisch-esoterische Beschreibungen findet man auch in den historischen Anfängen der Chiropraktik (z.B. "innewohnende Heilkraft") und in der Osteopathie, der "Mutter" von Chiropraktik und Craniosacrale Therapie. Upledger spricht von „raffinierten Überlebensmechanismen“.... Raffiniert sind hier einzig die, die hier kräftig Kasse machen und eine Gehirnwäsche gleich kostenlos mitliefern (Scientology lässt grüssen). Und dadurch, dass es niemanden wirklich kümmert, geht die Geschichte mit der Craniosacraltherapie in Deutschland munter weiter. Aber es könnte etwas unternommen werden. Auch von politischer Seite. So könnte der Bundestag z.B. eine "Prüfungskommission für alternativmedizinische Verfahren" einsetzen, wo zumindest der aktuelle Sachstand zu einzelnen Verfahren wie "Craniosacral Therapie" oder "Osteopathie" usw. noch einmal festgestellt und geprüft würden und - darauf basierend - weitere richtungsweisende, gesundheitspolitische Entscheidungen getroffen werden könnten unter Einbezug von unabhängigen Wissenschaftlern und nicht nur Ärzten. Zwar gibt es den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), doch dieser glänzt durch In-Transparenz, denn die Sitzungen der Unterausschüsse, in denen entscheidende Dinge besprochen werden, sind nicht öffentlich (siehe das Beispiel der Akupunktur). Die wenigen alternativen Therapieansprüche und -techniken, die z.B. einer wissenschaftlichen Auswertung standhielten, hätten damit eine solide Grundlage zur Aufnahme in das System der gesetzlichen Krankenkassen. Wirkungslose und bisher etablierte Therapien, aber ohne evidenzbasierte Ergebnisse aus wissenschaftlichen Studien könnten im Gegenzug aus dem gesetzlichen System entfernt werden. In England z.B. gibt es eine solche Kommission von Wissenschaftlern. Und diese hat darauf hingewirkt, dass Homöopathie nicht mehr vom "National Health Service" gefördert und homöopathische Mittel nicht mehr als "wirksam" beworben werden dürfen, weil nach 200 Jahren Forschung eindeutig bewiesen wurde, das hier wirkungslose Zuckerpillen verabreicht werden, die nicht über einen Placeboeffekt hinausgehen. 
Fazit: die Craniosacral Therapie kann sich im Schatten der Osteopathie und in einem für sie sehr günstigen „Klima“ für alternative Behandlungsformen in Deutschland ungehindert weiter verbreiten, weil die Osteopathie eine gewisse Anerkennung geniesst und im Begriff ist, sich im deutschen Gesundheitssystem zu verfestigen {ein schwerer Fehler und Irrtum und ein riesiges Kostengrab nebenbei bemerkt}. Die Nachfrage von Therapeuten nach Kursen ist immens und es tummeln sich neben den etablierten Anbietern mittlerweile auch viele andere Anbieter auf dem Fortbildungsmarkt herum. Einschränkungen sind nicht zu befürchten, weil es keine oder zu wenige kritische Stimmen bei den Entscheidungsträgern im Gesundheitssystem gibt. Die Bewerbung von CST in Zusammenhang mit gesundheitsfördernden Formulierungen geschieht - wohlgemerkt - gegen geltendes Recht. Denn das OLG Hamburg hat in einem Verfahren gegen einen Arzt und Osteopathen, der behauptete, das sog. KISS-Syndrom mit Osteopathie erfolgreich behandeln zu können, festgestellt:

168 Nach § 3 S. 1 HWG ist eine irreführende Werbung für medizinische Behandlungen unzulässig. Gemäß § 3 S. 2 Nr. 1 HWG ist eine Werbung insbesondere dann irreführend, wenn der Behandlung eine therapeutische Wirksamkeit oder Wirkungen beigelegt werden, die sie nicht hat. Verboten ist danach zum einen die objektiv unwahre Werbung mit Wirkungsangaben. Zum anderen entspricht es ganz h.M. in Rechtsprechung und Literatur, dass auch die Werbung mit unzureichend wissenschaftlich gesicherten Wirkungsaussagen von § 3 HWG erfasst wird (BGH GRUR 2002, 273, 275 – Eusovit; Doepner, HWG, 2. Auflage, 2000, § 3 Rn. 36; Bülow/Ring/Artz/Brixius, HWG, 4. Auflage, 2012, §3 Rn. 49; Reese/Holtorf, in: Dieners/Reese, Handbuch des Pharmarechts, 2010, § 11 Rn. 146; Riegger, Heilmittelwerberecht, 2009, Kap. 3 Rn. 23).


187 Für die wissenschaftliche Absicherung bei Werbung mit gesundheitsfördernden Wirkungen verlangt die höchstrichterliche Rechtsprechung als wissenschaftlich fundierten Wirksamkeitsnachweis Studien unter Heranziehung einer ausreichenden Anzahl von Probanden und die Durchführung von randomisierten placebokontrollierten Doppelblindstudie mit einer adäquaten statistischen Auswertung (vgl. OLG Düsseldorf,PharmR 2010, 353 ff.).


Alle verwendeten Links plus Zusatzlinks für erweiterte Informationen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Lebensreform
http://de.wikipedia.org/wiki/Medizin_im_Nationalsozialismus
http://de.wikipedia.org/wiki/Vollwertkost
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/ernaehrung-im-nationalsozialismus-heil-kraeuter-12561165.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Kollath
http://de.wikipedia.org/wiki/Vollkorn
http://de.wikipedia.org/wiki/Homöopathie_im_Nationalsozialismus
http://www.gwup.org/infos/themen-nach-gebiet/986-der-donner-report-das-desaster-der-homoeopathie-im-dritten-reich
http://www.sasse-heilpraktikerrecht.de/aktuelles/details.php?Kunde=1122&Modul=3&ID=19567


http://books.google.de/books?id=zKIRxv8ZiDMC&pg=PA183&lpg=PA183&dq=reichsvollkornbrotausschuss&source=bl&ots=4JffYlcHBD&sig=C0KopJ2iILoA1XCKVI6KgmGVyRQ&hl=de&sa=X&ei=KZfVUvfgM86EtQbitoHwCg&ved=0CE4Q6AEwAw#v=onepage&q=reichsvollkornbrotausschuss&f=false

http://www.aerzteblatt.de/archiv/66809
http://www.carstens-stiftung.de/artikel/was-bringt-cranio-sacral-therapie.html
http://www.inma-gmbh.com/aktuell~~~~24
http://www.inma-gmbh.com/aktuell~~~~23
http://edzardernst.com

Impressum
überarbeitet am 23.5.2016



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