Aderlass und Osteopathie

Glauben Sie an den Aderlass?
Der Aderlass war eine gängige medizinische Methode bis ins 19. Jahrhundert, der zur Behandlung einer ganzen Palette von Krankheiten verwendet wurde. Relikte dieser Behandlungsform findet man heute noch im (blutigen) Schröpfen mittels Schröpfgläser. Der Aderlass ist dank eingehender, moderner, wissenschaftlicher Untersuchungen und einiger Wagemutige, die sich gegen das damalige medizinische Establishment stellten und die neuen Erkenntnisse auch öffentlich vortrugen, bis auf ganz wenige Indikationen längst abgeschafft. Was damals in seiner Popularität der Aderlass war, ist heute z.B. die Osteopathie (und als Teil von ihr die "Craniosacrale Therapie", kurz: CST). Im Gegensatz zur Geschichte des Aderlass´ haben sich die Umstände und die Zeiten jedoch ziemlich geändert und die Lobbyisten von alternativmedizinischen Behandlungsmethoden sind heute finanz- und vor allem medienstark.
Die Osteopathie ist jedoch nichts weiter als eine "Trendmedizin", die sich gerade in einer Art exponentieller Verselbstständigung befindet, denn die Anzahl der Anhänger (bei Anwendern wie Konsumenten) wächst unaufhaltsam, ohne dass Kritiker noch richtig zu Wort kommen oder kritischen Äußerungen methodisch nachgegangen wird. Spielen hier vielleicht marktwirtschaftliche und berufspolitische Überlegungen eine stärkere Rolle als kritische, wissenschaftliche Untersuchungen, womöglich von sehr guter Qualität? Diese sind nach wie vor sehr selten. Man muss sich mittlerweile auch fragen, wie viele „Dumme“ (d.h. unwissende, schlecht oder unzureichend informierte Entscheidungsträger) in den Gremien der Krankenkassen oder anderen öffentlich-rechtlichen Institutionen sitzen und einfach abnicken, was einige (vermeintliche) Experten vorgeben? Die umfangreichste Stellungnahme im deutschen Sprachraum ist immer noch das Papier der deutschen Ärzteschaft aus dem Jahr 2008Das Konzept der Osteopathie wird darin so beschrieben: „Bei den philosophischen Grundlagen der „Osteopathie“ bewegt man sich dagegen auf dem Gebiet der Weltanschauung, für die es keine Evidenz im naturwissenschaftlichen Sinne geben kann.“ Wenn man sich dort einmal die Literaturliste im Anhang anschaut, erkennt man sehr schnell, dass viele der kritischen Arbeiten zur Osteopathie/CST  insbesondere aus dem englischen Sprachraum unberücksichtigt geblieben sind (siehe meine anderen Blog-Beiträge zur CST und Osteopathie).
Stattdessen wird von Osteopathie- und CST-Anbietern „auf Teufel komm raus“ versucht, jede noch so unbedeutende wissenschaftliche Studie als Beleg für die Wirksamkeit der Osteopathie/CST aufzupeppen. Siehe z.B. auf der Seite einer „Schweizerischen Gesellschaft für Craniosacrale Therapie“. Dort werden einige Einzelstudien genannt, von denen keine einzige durch andere Forschungsteams wiederholt wurden. Und keine der genannten Studien wurde jemals in einer international angesehenen Zeitschrift (wie zum Beispiel der Lancet oder das New England Journal of Medizin) veröffentlich. Die Gründe sind der ungenügende wissenschaftliche Standard dieser Studien, der eben von diesen renommierten Zeitschriften verlangt wird. Das im deutschsprachigen Raum intensiv und sehr erfolgreich agierende Upledger-Institut hat z.B. bis heute nicht eine einzige Studie als Beleg der Wirksamkeit von CST vorgebracht, obwohl die wissenschaftliche Grundlage der Osteopathie/CST immer wieder ausdrücklich versichert wird. Das allein reicht offensichtlich aus, um das Kurs- und Zertifikations-Geschäft weiter voranzutreiben. Die vorhandene Literatur zur Osteopathie/CST ist inzwischen so umfangreich, dass Laien genauso wie potentielle Kursteilnehmer und Anwender zu dem Schluss kommen, dass an der Osteopathie/CST doch etwas "dran sein muss". Das ist das Lebenselixier dieser Pseudotherapien. Das theoretische Gebilde der Osteopathie/CST wird perfekt mit der etablierten wissenschaftlichen Anatomie und Physiologie verknüpft, erklärt und propagiert. Wenn überhaupt echte Wissenschaftlichkeit in der Osteopathie/CST zu finden ist, dann durch die Erkenntnisse aus diesen beiden medizinischen Fachbereichen. Bei strengen randomisierten klinischen Studien fallen sie jedoch als "nicht besser als Placebo" kläglich durch. 

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Artikel:       http://diepresse.com/home/leben/gesundheit/473836/Das-Kind-ist-nicht-geerdet

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ergänzt am 6.7.2016

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