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Autobiographisches - 30 Jahre Alternativmedizin

Fast 3 Jahrzehnte lang war ich ein glühender Anhänger von alternativmedizinischen Behandlungsmethoden. Schulmedizin hatte ich zwar nicht gänzlich abgelehnt, aber nur in Anspruch genommen, wenn es sich nicht mehr vermeiden liess. Ansonsten war ich immer auf der Suche nach den Alternativen und an erster Stelle stand die Homöopathie. Ich habe so ziemlich alles an Methoden erfahren und ausprobiert, das in der Alternativmedizin "Rang und Namen" hat, angefangen von der Homöopathie über Osteopathie, Reiki, Shiatsu, Geistheilen, Spirituelles Heilen, Craniosacrale Therapie (als Therapeut und Patient), Bachblütentherapie, Fussreflexzonenmassage, Chiropraktik, Aromatherapie, Klangtherapie, Alexandertechnik, Anthroposophische Medizin, Feldenkrais, Traditionelle chinesische Medizin, Ayurveda, Fastenkuren, Haptonomie und Radiästhesie. Immer auf der Suche nach Heilung, Wohlbefinden, seelischem Ausgleich oder einfach nur Entspannung. Nach fast 30 Jahren war dann schlagartig Schluss damit. Quasi über Nacht wurde ich zu einem Skeptiker. Das war, wie als ob sich das Vorzeichen in meinem Denken verändert hätte von "plus" nach "minus", von gut- bis abergläubisch hin zu skeptisch, untersuchend, hinterfragend, sich nicht mehr blenden lassend von den "Verheissungen" von sogenannten "Autoritäten". Das ist jetzt über 8 Jahre her. Skepsis gab es auch schon vorher, aber immer nur ganz leise, kaum wahrnehmbar. Der Glaube an die Heilkraft der alternativen "Therapien und Methoden" war immer grösser, stärker und lauter als die andere Stimme, die "aber" sagte. Den grössten Einblick habe ich in die sogenannte "Craniosacrale Therapie" gewinnen können, erstens, weil ich in einem Zeitraum von 10 Jahren viele Fortbildungen bei drei verschiedenen und namhaften Instituten dafür gemacht hatte, zweitens weil ich viel Literatur insbesondere die englische dazu gelesen habe und drittens, weil ich viele Behandlungen in meiner Praxis damit durchgeführt habe und scheinbar spektakuläre Behandlungserfolge erzielen konnte.
Es gehört schon Mut und innere Stärke dazu, den eigenen Selbstbetrug und Aberglauben nach so vielen Jahren aufzudecken, aufzulösen und rückblickend frage ich mich oft "wie konnte ich nur?", aber in der damaligen Situation stellte sich diese Frage überhaupt nicht, weil man in einer Art Trance ist, geblendet durch einen Irrglauben an eine Medizin, die keine ist. Wie konnte ich mich als solide ausgebildeter Naturwissenschaftler der Universität Kiel mit einem 8-jährigen, breit gefächerten Universitätsstudium, so in die Irre leiten lassen bzw. selbst leiten? Die Gründe hierfür liegen in meiner persönlichen Entwicklung, doch die spielt hier keine Rolle. Mir geht es ja in diesem Blog, um etwas ganz anderes: aufklären, wachrütteln, Skepsis streuen, zum Nachdenken anregen, hinweisen. Das Gute an einem Blog ist, dass man die Beiträge ständig umarbeiten, ergänzen, anpassen kann. Meine Kernaussagen sind nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert und wo es Quellen gibt, benenne ich sie. Ich bündele in diesem Blog auch die Aussagen anderer, hebe hervor, fasse zusammen. Meine persönliche Zusammenfassung zu den alternativ-medizinischen Behandlungsmethoden ist in einem Satz gesagt: "Wenn man an ein Verfahren (Methode  oder "Therapie") glaubt, scheint es auch zu wirken". Dies gilt insbesondere für die Homöopathie und Craniosacrale Therapie. Die Betonung liegt auf "scheint", wie der schöne Schein! Und selbst, wenn "es" nicht oder scheinbar nur langsam wirkt oder scheinbar nur teilweise, redet man sich den Rest schön oder sucht einfach weiter nach einem noch besseren Therapeuten, der einen noch besseren Ruf hat, nimmt noch mehr Wege in Kauf oder probiert einfach noch eine andere Methode aus. Meine Erfahrung als Therapeut auf den anderen Seite ist, dass, wenn man etwas nur mit genug Überzeugung vertritt, es auch etwas bei dem Patienten bewirkt. Und je mehr "Behandlungserfolge" man erzielt hat, desto mehr verfestigt sich dann der eigene Glaube, dass die Therapie "gut", "richtig" und "wirksam" ist. Ein schwerer Trugschluss! Aber logisches Denken oder gar kritisches Denken ist bei den Anwendern der alternativ-medizinischen Methoden nicht stark ausgeprägt, meine eigene Person von damals mit einbegriffen.
Wie also damit umgehen? Ich habe immerhin einen 5-stelligen Eurobetrag in meine sehr umfangreiche alternativ-medizinische Ausbildung gesteckt und neben den Fortbildungen in der Craniosacralen Therapie auch andere Methoden gelernt oder zumindest Teile davon. Deutschland gilt im Übrigen ja als das Mekka der Alternativmedizin. Das sollte ein Investment in meine Zukunft als Therapeut sein. Ich habe im Jahr 2001 sogar den "grossen" Jean-Pierre Barral persönlich in Basel auf einem Upledger-Kongress kennengelernt und er stellte mir auf der Come-together-Party eine merkwürdige Frage: "Willst Du bekannt werden? Dann stehst Du unter einem enormen Druck, Erfolge zu bringen. Denke darüber nach." Ich bin nun seit 20 Jahren als "blosser" Physiotherapeut in eigener Praxis tätig und habe ca. 30.000 Behandlungen durchgeführt. Meine Ansprüche etwas zu bewirken sind dabei im Laufe der Zeit geringer geworden. Vieles liegt auch an den Patienten selbst. Das ist ein Auftrag den Physiotherapie auch erbringen muss: den Patienten in die Pflicht zu nehmen. Ich gehe mittlerweile schonungsloser mit meinen Patienten um, indem ich immer häufiger sage, was ich denke und nicht was ich glaube, was der Patient gerne hören möchte, nur um ihn zu halten. Therapieverlängernde Massnahmen wie "sie haben da aber noch eine Energiezyste im rechten Oberkiefer, die müssen wir noch behandeln" oder Schaffung von Abhängigkeiten wie "nur, wenn Sie 3,5 oder 10mal kommen, kann es" helfen, gibt es nicht mehr. Nicht gerade das Klügste und auch nicht gerade geschäftstüchtig, aber so ist es nun mal. Wie kann ein Patient die Kompetenz für seinen Körper und seine Gesundheit erlangen, wenn ich darüber entscheiden soll, wie oft er zur Behandlung kommen soll? Da liegen also andere Interessen dahinter.
Mein alternativ-medizinisches Wissen habe ich auch nicht etwa in die "Tonne gehauen", ich gehe nur anders damit um. Ich mache die Erfahrung, dass in einer einfachen Entspannung auch eine Menge "passieren" kann ohne Hokuspokus und Tamtam. Heilungsprozesse sind auf der einen Seite ja gut nachvollziehbar, z.B. durch die Aktvierung des parasympathischen Anteils des Nervensystems und Durchblutungsförderung, aber auf der anderen Seiten bleiben sie ein Mysterium. Und gerade auf dieses Mysterium berufen sich gerne die alternativmedizinischen Methoden und benutzen es für Ihre Zwecke. Neuere Forschungszweige zeigen uns zwar den Zusammenhang von Neuroanatomie und neuro-psycho-biologischen Vorgängen im Körper, aber das rechtfertigt nicht eine einzige alternativ-medizinischen Methode. Diese könnten Ihre Rechtfertigung durch gute klinische, randomisierte, placebokontrollierte Einfach- oder Doppelblindstudien erhaltenAber diese sind rar und wenn einmal eine gute - d.h. nach einem wissenschaftlich hohen Standard gemachte - Studie durchgeführt wurde, dann kommt sie meistens zu negativen Ergebnissen für die infrage stehende Methode. Das ist von den Anhängern der jeweiligen Methode unerwünscht. Und die Dunkelziffer von nicht veröffentlichen Studien kann niemand benennen. Der Abgrund für die Alternativmedizin tut sich aber immer dort auf, wo auf hohem Niveau - unter Ausschluss möglicher Verfahrensfehler - geforscht wurde. Trotzdem halten sich viele der widerlegten Methoden hartnäckig am Markt oder werden sogar noch von den Krankenkassen bezuschusst! Das beste Beispiel sind die Homöopathie und die Osteopathie / Craniosacrale Therapie. Und das führt bei vielen Verbrauchern zu dem Trugschluss, dass es sich ja wohl um eine fundierte wissenschaftliche Methode halten muss, wenn deutsche Krankenkassen schon Geld dafür locker machen. Doch Krankenkassen schert es einen feuchten Kehricht, ob eine Behandlungsmethode medizinisch-wissenschaftlich fundiert ist. Hier spielen marktwirtschaftliche Überlegungen eher eine Rolle. Sie auch meinen Blogbeitrag zu dem Thema "Kassenleistungen und die Wirksamkeit von alternativ-medizinischen Therapiemethoden"

Gute Infos für evidenzbasierte Medizin und gegen medizinischen Aberglauben finden Sie hier: http://www.medizin-transparent.at



verändert am 26.2.2017

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