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Wissenschaft ist nicht gleich Wissenschaft

"Die Hand, die einen füttert, beisst man nicht"
Ein Anspruch in der Wissenschaft ist, dass ein Ergebnis aus einer wissenschaftliche Studie erst Gewicht bekommt, wenn es durch andere Forscher repliziert, d.h. durch dasselbe Experiment / Versuch oder Untersuchung wiederholt werden konnte. Das ist wie ein Seilakt über doppeltem Boden. Allerdings gibt es da einen Haken: nur die wenigsten Wissenschaftler wiederholen exakt die Studien von Kollegen. Vielleicht noch in der Physik, Chemie oder Mathematik. Dort ist es eine Auszeichnung die Ergebnisse eines Kollegen repliziert zu haben. Dann bekommen vielleicht beide den Nobelpreis. Aber in der Medizin? Da sieht es ganz anders aus. Warum? Hier kommt der Faktor "Mensch" ins Spiel und der ist schwer bzw. unberechenbar. Aber es gibt womöglich auch noch einen anderen, schwerwiegenderen Grund: gerade bei gegensätzlichen Resultaten für die infrage stehende medizinische Methode könnte es "böses Blut" unter den Forschenden geben und das umso mehr, je höher die Wissenschaftler angesehen sind. Nicht selten liefern sich betroffene Wissenschaftler dann ganz unwissenschaftliche Schlammschlachten, mit Studien und Gegenstudien. 

Der hohe Wert von Übersichtsarbeiten
Deshalb kommt den sogenannten "Reviews" zu deutsch Übersichtsarbeiten eine bedeutende Rolle in der Wahrheitsfindung zu einem bestimmten Thema zu, weil in ihnen ähnliche Studien zu eben diesem Thema geordnet, bewertet und Folgerungen aus ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit der Wahrheit sehr nahe kommen. Einer, der sich diesen Reviews insbesondere im Gebiet der sogenannten Alternativmedizin / Komplementärmedizin angenommen hat, ist Prof. emer. E. Ernst aus England. Er kann aufgrund seiner Kompetenz als Forscher und Lehrstuhlinhaber wissenschaftliche Arbeiten hervorragend beurteilen und auch für den Laien anschaulich seine Schlussfolgerungen daraus darstellen. Wenn Wissenschaftler anderen Wissenschaftlern auf die Finger schauen, sind Anfeindungen und das bereits erwähnte "böse Blut" allerdings vorprogrammiert. Deshalb gibt es auch nur sehr Wenige, die sich das wagen! Das ist verpönt unter Kollegen! Kennen Sie einen Professor in Deutschland, der das macht? Jemand, der vielleicht offen oder hinter vorgehaltener Hand sagt "Ihre Studie hat lediglich Schrottwert"?

Informationsquelle "Abstracts" und "Conclusion"
Selbst als belesener und interessierter Laie kann man sich vielleicht noch eine Meinung zu wissenschaftlichen Arbeiten bilden, indem man die sogenannten "Abstracts" gleich Zusammenfassung und die "Conclusions" gleich Schlussfolgerungen liesst und versteht. Auch die Wissenschaftsjournalisten lesen diese. Aber methodische Schwächen bleiben dem Laien verborgen. Wer versteht z.B. schon etwas von den komplexen statistischen Methoden zur Auswertung? Wer überblickt und liest die vielen anderen Originalarbeiten, die in der Bibliographie einer jeden medizinischen Studie angegeben werden? 

Der Teufel steckt im Detail 
Um in die Tiefen einer wissenschaftlichen Studie vorzudringen, braucht es Experten, die wissen wie man wissenschaftliche Studien korrekt anlegt, ausführt und zum Schluss auch korrekt interpretiert! Gerade in der Methodik einer medizinischen Studie  - auch Studiendesign genannt - können viele Fallstricke versteckt sein. Ein sehr gutes Studienteam wird diese entdecken und vor Ausführung der Studie ausmerzen, so dass ein eindeutiges Ergebnis entsteht. Das ist sehr wichtig, denn Studien mit mehrdeutigen Ergebnissen werfen mehr Fragen als Antworten auf und können zu vollkommen entgegengesetzten Interpretationen führen (siehe unten das Beispiel der Studie von Frau Haller versus Kommentar Prof. Ernst). Eindeutige Ergebnisse sind ein Qualitätsmerkmal von methodisch korrekt ausgeführten Studien egal ob diese positiv oder negativ sind. Eine schlecht "designte" Studie dagegen, kann keine guten, "sauberen" Ergebnisse hervorbringen, sondern lässt Raum für Spekulationen. Eines der Haupt-Fallstricke in medizinischen Studien ist die Wahl eines geeigneten, sogenannten Placebos oder Scheinbehandlung. Die Gruppe von Patienten, die dieses Placebo erhält, nennt man die placebo-kontrollierte Gruppe oder einfach Kontrollgruppe. Durch diese Gruppe wird eine medizinische Methode erst validiert! Validieren heisst zu beweisen, dass eine medizinische Methode auch wirkt, wirksam ist. Man spricht auch von einem Gültigkeitsbeweis bzw. Wirksamkeitsnachweis. Selbst wenn das Ergebnis einer guten Studie negativ ist, dann beweist das eben die Ungültigkeit bzw. Unwirksamkeit einer medizinischen Methode. Oft wird das in nicht "sauber" durchgeführten Studien dann so dargestellt: "Methode XY war nicht besser als Placebo". Da kommt man erstmal gar nicht auf den Gedanken, dass die Methode unwirksam ist, weil man ja weiss, dass Placebos durch sogenannte "Kontexteffekte" trotzdem wirken können, d.h. nachweisbare (Schein-) Ergebnisse erzielen können. Ganz schlaue wie z.B. Prof. Harald Walach kommen nun daher und sagen, wenn eine Methode nicht besser als Placebo ist aber auch nicht schlechter, dann wirken auch die Methoden von z.B. Heilern oder Schamanen, weil Placebos ja nachgewiesenerweise wirken können. Eine gefährliche Schlussfolgerung. Prof. Walach ist - nebenbei bemerkt - ein entschiedener Fürsprecher für die Homöopathie. 

Verquickung von Schein-Medizin und Gross-Industrie
Viele seiner Forschungen und zeitweise auch seine Stiftungsprofessur wurden durch die Heel GmbH, einer Tochtergesellschaft der Delton AG (D), finanziert. Die Heel GmbH ist laut Wikipedia einer der weltweit größten Hersteller von Homöopathika. Der einzige Aktionär der Dalton AG ist Stefan Quandt, Mitglied der BMW Eignerfamilie Quandt. 

Aus der nie endenden Positiv-Quelle des Prof. Dobros
Ein aktuelles Beispiel wie Wissenschaft krass unterschiedlich bewertet werden kann, ist eine kürzlich publizierte Studie von Frau Dipl. Psych. Heidemarie Haller in der Sie zu dem Schluss kommt, dass "Craniosacrale Therapie" eine effektive Methode zur Behandlung von chronischen Nackenschmerzen ist. Zitat aus der Arbeit von Fr. Haller: "CST was both specifically effective and safe in reducing neck pain intensiv and may improve funktional disability and quality of life up to 3 months post Intervention." Diese aktuelle Studie wird von den Anhängern der Osteopathie / Craniosacral Therapie nun ganz, ganz hoch gehalten und gefeiert. Endlich positive Ergebnisse durch eine vermeintlich "saubere" Studie und das an einer deutschen Universität, wo wissenschaftliche Untersuchungen zur Craniosacralen Therapie ja eher rar sind. Was sagt Prof. Edvard Ernst dazu? Hier sein Kommentar im Original. Seine Schlussfolgerung aus der Studie lautet: "Oddly, this is not even close to the conclusion I am going to draw: inadäquate control for Placebo and other non-specific effects generated a false-positive result." Übersetzung: "Seltsamerweise ist dies nicht einmal in der Nähe zu dem Schluss, den ich ziehe: inadäquate Kontrolle für das Placebo und andere un-spezifische Effekte erzeugen ein falsch-positives Ergebnis". 
Prof. Ernst empfiehlt eine Wiederholung (Replikation) durch andere Wissenschaftler. Warten wir es also ab, ob jemand die Studie von Frau Haller* durch eigene Forschung in Frage stellen wird. Wohl kaum.

Siehe dazu den ganz aktuellen Artikel in der NRZ und die Quelle zu dem Artikel hier.

weitere links zu dem Thema:
http://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.1002333#abstract0

Ein weiterer Artikel von Prof. Ernst befasst sich damit, wie leicht Studienergebnisse in der Interpretation manipuliert werden und dann veröffentlich werden können. Schauen Sie bitte hier.


* Frau Haller ist nicht - wie ursprünglich falsch dargestellt - eine Universitätsprofessorin, sondern wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team von Prof. Dobos an der Universität Duisburg-Essen, die z.Zt. an Ihrer Doktorarbeit zur "Craniosacralen Therapie bei Nackenschmerzen" arbeitet. Dass eine eigene Studie hierzu mit  obendrein positivem Ergebnis natürlich die Doktorarbeit nicht in Frage stellen wird, liegt auf der Hand. Unter der schützenden Hand von Prof. Dobos wird die Doktorarbeit deshalb mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit durch eigene RKS validierte Thesen beweisen, dass Craniosacrale Therapie eine effektive Methode zur Behandlung von chronischen Nackenschmerzen ist. Wünschen wir Fr. Haller also weiterhin viel Erfolg. Im Übrigen veröffentlich Prof. Dobos auffallend viele Studien zur Alternativmedizin mit immer positiven Ergebnissen
Bezeichnenderweise dankt der Upledger Verband Deutschland Frau Haller für Ihre Unterstützung, siehe unter http://www.ucd-verband.de/forschung.php. Dort steht: "Wir freuen uns über Ihre Mithilfe, Beteiligung und kritische Diskussion und bedanken uns bei Frau Dipl.-Psych. Heidemarie Haller für ihre Unterstützung in der Literaturrecherche und Planung neuer Forschungsprojekte."
Frau Haller wiederum dankt dem Upldeger Verband für die Bezahlung der sogenannten "Open Access Fee". Hier die Originalstudie. Bitte schauen Sie unter "ACKNOWLEDGEMENTS". 
Offensichtlicher kann man die Verquickung einer Interessengruppe mit einer unabhängigen (??) Wissenschaftlerin wohl nicht darstellen. Die Autorin gibt in Ihrer Studie an 
Zitat: "Conflict of interest: The authors declare no conflict of interest." Übersetzung: "Die Autorin erklärt: Kein Interessenkonflikt."
Wenn die Doktorarbeit dann fertig und anerkannt ist, kann der Upledger-Verband u.a. diese zukünftig schön als - was auch immer - zitieren.... Frau Haller berät nämlich darüberhinaus auch noch einen anderen deutschen Cranioverband.


In die Hand, die einen füttert, beisst nur ein Verrückter...

verändert am 4.10.2016

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