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Das ominöse Energiezysten-Konzept des Dr. Upledger (†) / USA

Der Ursprung des Unsinns
Der Gründer der nach ihm benannten "Upledger Craniosacrale Therapie®" hat in den 1970er Jahren ein osteopathisches Behandlungs-Konzept entworfen, das in den 80er dann nach Europa exportiert wurde und dort einen geistigen Flächenbrand verursachte. Mit diesem Konzept werden bis heute weltweit Menschen medizinisch / therapeutisch behandelt ohne jeglichen medizinischen oder wissenschaftlichen WirksamkeitsnachweisUpledger´s Vorstellung war, dass sich aufgrund von Traumata (z.B. Verletzungen, Operationen, Unfälle) sogenannte "Energiezysten" im Körper formen, die dann die Gesundheit des betroffenen Individuums beeinträchtigen bzw. zu Krankheiten führen können. Die gesundheitsbeeinträchtigenden Informationen würden in der "Matrix des Bindegewebes" gespeichert. Wie dieser Prozess genau abläuft, behielt Dr. Upledger (†) leider für sich. Dem Konzept fehlt es an dieser Stelle deshalb auch allein schon an biologischer Plausibilität!

Ausbildung in Wahrnehmung von etwas, was nicht existent ist
In den Upledger Kursreihen lernen die KursteilnehmerInnen dann nicht nur den angeblichen "Craniosacralen Rhythmus (kurz CSR)" wahrzunehmen, sondern auch diese "Energiezysten" mit Ihren Händen aufzuspüren und zu lösen. Das Aufspüren geschieht über sogenannte "Faszienzüge", d.h. angebliche Spannungszustände im Bindegewebe, die zu den betreffenden "Zysten" hinführen. Der medizinische Begriff "Zyste" ist genau definiert, wird jedoch von Upledger in einen mysteriösen Kontext gestellt, um seinem Konzept Begrifflichkeit zu verleihen. Zur Veranschaulichung von diesen Zysten, nimmt man gerne im Unterricht ein grosses weisses Laken, formt daran an beliebiger Stelle einen oder mehrere Knoten und lässt die Teilnehmer nun auf das Laken schauen, wo sich um den Knoten Falten im Stoff gebildet haben. Das ist zwar pädagogisch wirklich sehr schön anschaulich und vor allem einprägsam, spiegelt aber nicht annähernd die anatomischen und physiologischen Verhältnisse im menschlichen Körper wider!

Der Energiezysten-Quatsch
Die KursteilnehmerInnen lernen dann, wie diese "Energiezysten" nun gelöst werden können: man hält eine Hand unter der zuvor aufgespürten "Energiezyste" und die andere Hand darüber, z.B. in der Magenregion. Dann gibt man einen minimalen Impuls in das zwischen den Händen liegende Gewebe (Upledger´s sogenannter 5-Gramm-Impuls, woraus sich dann später u.a. der Begriff "sanfte Therapie" abgeleitet hat) und das Gewebe finge sofort spürbar an zu reagieren. Upledger nennt diesen Prozess das sogenannte "Unwinding", zu deutsch "Entwirren, Entknoten". Das wird äusserlich durch die sich in verschiedene Richtungen drehenden Hände sichtbar und nicht selten durch sowohl vom Therapeuten als auch vom Patienten wahrgenommene Wärme. Doch wer macht hier was? Bewegt hier eine angebliche Zyste die Hände oder bewegen die Therapeutenhände einfach nur etwas Haut? Siehe meinen Blogbeitrag Craniosacrale Therapie und Pendeln.
Falls sogenannte "Widerstände" im Gewebe auftreten sollten, dann wären diese vom Therapeuten mit entsprechendem, genau austariertem Gegendruck zu halten. Nicht selten kann dann der ursprüngliche Fünfgrammdruck in Kilogrammdrücke übergehen, d.h. der Therapeut drückt z.B. mit 10-20Kg Druck gegen Ihre Leber. Zum Ende dieses Prozesses würde sich die "Energiezyste" dann schliesslich auflösen. Upledger nennt das den "release". Hartnäckige "Energiezysten" müssten allerdings in mehreren Sitzungen behandelt werden {Anmerkung des Blogautors: gesichertes Einkommen winkt}. Es ist Teil des Upledger Konzeptes, dass die im Verlauf einer Behandlung möglicherweise auftretenden Widerstände im Gewebe eine unbewusste Reaktion des Körpers sind und entweder gebrochen oder zumindest gehalten werden müssen. Nur wenn der Therapeut sie quasi mit seinen Händen niederringt, verlassen sie den Körper als freiwerdende Energie {Anmerkung des Blogautors: hier kämpft der Exorzist mit den Dämonen}. 

Esoterische Feinarbeit
Zum Schluss einer Sitzung werden dann noch in "energetischer Feinarbeit" sogenannte "Energievektoren" im Körper wieder ausgerichtet. "Energievektoren" sind angeblich feine Lichtströme ähnlich den Meridianen aus der chinesischen TCM, von denen einige Therapeuten sogar behaupten, sie könnten sie sehen! Diese "Energievektoren" seien nach Upledger eine allen Lebewesen innewohnende grundlegende, universelle Energie, die der Erhaltung der Lebenskraft diene und Ausdruck dieser sei. Spätestens an dieser Stelle entlarvt sich das ominöse Upledger-Konzept als jenseits jeglicher Wissenschaftlichkeit. Wenn man das live sieht, sieht das auf den ersten Blick sehr einleuchtend aus, zumal die Probepatienten bereitwillig mitspielen und ausführliche Auskünfte darüber geben, was "alles" in ihrem Körper während der Sitzung (eigentlich eher "Liegung") passiert ist (siehe nächster Absatz).

Grosse Show im XXL-Showroom
Noch abenteuerlicher wird es dann bei den sogenannten "Multiple-Hands-On"-Behandlungen, wo zwei oder mehr TherapeutInnen gleichzeitig mehrere "Energiezysten" am jeweiligen Patienten lösen. Im Upledger Institute Florida / USA werden täglich in einem riesigen Raum an mehreren Tischen "Energiezystenan Patienten aus der ganzen Welt aufgespürt und gelöst.* Diese besondere Art der Behandlungen werden u.a. in den Fortgeschrittenenkursen der Upldeger-Kursreihen gelehrt und als "ein aussergewöhnliches therapeutisches Setting" angepriesen. Wenn man das einmal "live" sieht, ist es auf den ersten Blick sehr, sehr beeindruckend (aber auch skurril)! Beim ersten und bis jetzt (Jahr 2016) einzigen "Upledger Craniosacrale Therapie Kongress" kurz nach dem 11. September 2001 in Basel, wohin Dr. Upledger persönlich eingeladen war, aber die USA nicht mehr verlassen wollte - wurde dann eine Video-Direktschaltung nach Florida hergestellt und wir im Auditorium wurden Zeuge einer solchen Multiple-Hands-On Behandlung mit dem anwesenden Dr. Upledger plus zwei weiteren TherapeutInnen. Bei der auf einer Behandlungsbank liegenden Patientin hatten sich offensichtlich besonders grosse "Energiezysten" gelöst, wie die in der Luft zirkulierenden, schwingenden Hände einer der TherapeutInnen andeuteten. Wie gesagt, war ich damals schwer beeindruckt, aber auch ziemlich verstört, gerade von diesen in der Luft wabernden Händen, die freiwerdende Energie wegzuwedeln schienen.

Spezielle Behandlungen für Kleinkinder
Für Kleinkindbehandlungen gab es in Florida einen separaten Raum, wo an ihnen "gearbeitet" wurde*. Mir schien es, dass die Craniosacrale Therapie gerade bei schon älteren, mobilen Kindern eher der obskuren Festhaltetherapie von Irina Prekop ähnelte*. Der Kinderraum hatte eine schalldämpfende Holzverkleidung ähnlich wie in einem Tonstudio und als das Kind - an dessen Behandlung ich teilnahm - anfing zu schreien, wurde die Türe verschlossen, so dass keine Geräusche mehr in den grossen Therapieraum dringen konnten.

Impressionen vom Upledger-Institut Palm Springs Garden / Florida / USA
Die "Dinge" im Upledger-Institut laufen sehr subtil ab, alle sind sehr, sehr nett, reden leise, eindringliche Blicke werden ausgetauscht. Bevor man den grossen Therapieraum erreicht, muss man - beginnend an der Rezeption - einen ellenlangen Korridor entlang gehen, vorbei an vielen Büro- und Einzelbehandlungsräumen, in denen hochdekorierte "CST-Therapeuten" und "Zysten(er)löser" sitzen. Vor den Behandlungen findet morgens eine Art Blitz-Team statt, eine Besprechungsrunde, in der sich jeder anwesende TherapeutIn mit seinen ganzen Qualifikationen vorstellt. Strenge Hierarchien gibt es hier. Alles ist perfekt aufeinander abgestimmt. Für hilfesuchende Patienten aus der ganzen Welt ist es etwas ganz, ganz besonderes im "Hauptquartier der Craniosacralen Therapie", im wunderschönen Palm Springs Garden / USA / Florida behandelt zu werden. Alleine der Aufenthalt dort dürfte heilsam sein. Das, was hier jedoch als "sanfte Therapie" angepriesen wird, ist allerdings alles andere als sanft. Im Übrigen ging Dr. Upledger nach einer Behandlung an den jeweiligen Tisch und hat den Patienten an der Wirbelsäule chiropraktisch eingerenkt.* Das gehört zum klassischen osteopathischen Konzept offenbar dazu.

Weder Wirksamkeitsnachweise noch Existenzbeweis
Im Ergebnis ist das Energiezysten-Konzept jedoch von keinem renommierten, unabhängigen Wissenschaftler jemals bestätigt worden. Nach Meinung des Upledger Instituts / Florida, kann etwas, das nach eigenen - objektiv jedoch nicht überprüfbaren - Angaben (der Link wurde leider vom Upledger Institut USA abgeschaltet!) von über 100.000 TherapeutInnen praktiziert wird, ja wohl nicht verkehrt sein. Es gehört aber trotzdem ins Reich der medizinischen Phantasien und Legenden. Und dass sich 100.000 Personen bei entsprechender Propaganda und trotz vieler sogenannter "Fachbücher" irren können, kennen wir aus der aktuellen und unserer eigenen jüngeren deutschen Geschichte von 1933-45 sehr, sehr gut. Ist es demnach Zufall, dass Clearwater - nach amerikanischen Verhältnissen - gleich um die Ecke von Palm Springs Garden liegt? Schauen Sie einmal hier und bilden sich eine eigene Meinung (insbesondere die Fotos mit weisser Kleidung und Perlenkettchen (Perlen der Weisheit, Pearls of Wisdom).
Schlaue Verteidiger des Upledger-Konzeptes sagen, dass man das Energiezystenkonzept gar nicht beweisen muss. Hauptsache man könne sinnvoll damit arbeiten. Wie kann man denn sinnvoll mit Unsinn arbeiten? Da es absolut "wasserdicht" mit anatomischen und physiologischen Lehrbuch-Wissen vermischt und präsentiert wird, ist es anfänglich sehr schwer, dagegen zu argumentieren, genauso schwer wie man gegen die Homöopathie oder Reiki argumentieren kann, weil dem einzeln Betrachtenden die notwendige Objektivität fehlt. Hier kommen nun die randomisierten, klinischen Studien (kurz: RKS) ins Spiel. Diese sind der "Elchtest", an denen sich die abenteuerlichen Behauptungen von Dr. Upledger u.a. messen lassen müssen. Leider durchgefallen!

Die Meinung von Prof. Ed. Ernst / UK
Nach Prof. Ernst, dem Autor des Buches "Praxis Naturheilverfahren" ist das gesamte CST-Konzept purer Unsinn ("pure nonsense" ) und die gesamte CST-Therapie - wie er schlussfolgert - "bogus", also betrügerisch! Ein Craniosacral Therapeut kann alles Mögliche behaupten, was er im Körper fühlt und wahrnimmt. Jeder Versuch, objektive Beweise für dieses Konzept und die Wirksamkeit der Craniosacralen Therapie zu erbringen, sind bis heute (Jahr 2016) gescheitert. 

Literatur / Medien:

* Beobachtung des Autors, der das Upledger Institute Florida / USA im April 2002 zum 70.sten Geburtstag von Dr. Upledger aufgrund dessen persönlicher Einladung besucht hat und an einem 4-tägigen Training im Institut ganztägig an den Behandlungen als "Extern CS-Therapeut Technique Level" teilgenommen hat. 

Impressum
verbessert am 30.11.2016

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