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Der totale Irrsinn in der deutschen Physiotherapie, Teil 2


>> Aktueller Beitrag vom NDR (haben wohl bei mir abgeschrieben, denn mein Beitrag zu dieser Thematik steht schon seit über 1 Jahr hier).

Anamnese, physiotherapeutischer Befund und Gespräch / Beratung 
sind alles Leistungen die Physiotherapeuten erbringen müssen, um Ihren Job medizinisch korrekt, fachgerecht und vertragsgerecht durchführen zu können.

Keine Vergütung durch die Krankenkassen

Aber für alle diese Leistungen gibt es keine entsprechenden Abrechnungspositionen, weder bei den gesetzlichen Kassen noch bei den Privatversicherern! Bei Ärzten und Heilpraktikern gibt es für die drei oben genannten Leistungen sehr wohl je eine Abrechnungsposition. Man erwartet also offenbar von Physiotherapeuten, dass sie diese Leistungen kostenlos erbringen.

Aber so läuft das nicht. Jeder selbstständige Physiotherapeut kann nicht täglich kostenlose Leistungen erbringen, sonst wäre er bald insolvent. Die Krankenkassen freuen sich natürlich riesig darüber, denn Ihre Versicherten erhalten Leistungen, wofür sie (die Krankenkassen) nicht zahlen müssen.

Was passiert also? Man nimmt es von der Behandlungszeit und begibt sich damit in eine rechtliche Grauzone. Der Patient versteht das mitunter nicht, warum bei verordneter Krankengymnastik (i.d.R. 20min.), die erste Behandlung oft nur mit Reden und körperlicher Untersuchung verbracht wird. Selbst wenn man diesen vorher ausführlich darüber aufklärt hat. Typische Reaktionen sind dann: "Und wann bekomme ich meine Behandlung?", "Wieso, sie haben doch noch gar nichts gemacht", "Wie, Sie haben mich ja jetzt nur 5 Minuten behandelt?"

In dem mit den gesetzlichen Krankenkassen ausgehandelten Rahmenvertrag steht:


"§ 4 Leistungserbringung

7. Die Leistungen sind ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich zu erbringen. Sie haben dem gemäß § 70 SGB V allgemein anerkannten Stand der medizinischen Erkenntnisse zu entsprechen und den medizinischen Fortschritt zu berücksichtigen. Es ist darauf zu achten, dass die Leistungen nur im notwendigen medizinischen Umfang (siehe § 7 Ziffer 2 und 3) in Anspruch genommen werden.

§ 5 Maßnahmen zur Qualitätssicherung, Prozessqualität
5. Zur Sicherung der Prozessqualität hat der Heilmittelerbringer insbesondere Folgendes zu gewährleisten: 
- Kooperation zwischen Heilmittelerbringer und verordnendem Vertragsarzt
- Orientierung der Behandlung an der Indikation (bestehend aus Diagnose und Leitsymptomatik), am Therapieziel und der Belastbarkeit des Versicherten.
- Anwendung des verordneten Heilmittels- Behandlung gemäß der Leistungsbeschreibung (vgl. Anlage 1)
- Dokumentation des Behandlungsverlaufs gemäß Anlage 1 Ziffer 8.

6. Der Heilmittelerbringer sollte entsprechend den therapeutischen Erfordernissen bereit sein,
- eine Abstimmung des Therapieplans mit anderen an der Behandlung Beteiligten herbeizuführen
- Patienten und deren Angehörige im Einzelfall zu beraten und
- sich z. B. an Case-Managements und an Qualitätszirkeln (insbesondere auch mit Ärzten) zu beteiligen."

Mit anderen Worten: die Leistungen werden im Rahmenvertrag sogar ausdrücklich gefordert. Von Vergütung jedoch keine Rede. Der Zeitaufwand im Case-Management und Qualitätszirkel soll kostenlos erbracht werden (Stichwort: Geriatrisches Assessment). Wer macht so etwas mit? Zwar steht unter § 9:


"§ 9 Vergütung

Die erbrachten Leistungen werden nach der jeweils geltenden Fassung der Vergütungsvereinbarung gemäß § 125 SGB V zur Abrechnung physiotherapeutischer Leistungen vergütet." 

Aber im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen gibt es keine Positionen für Anamnese, Befund und insbesondere Beratung. Ärzte, Rechtsanwälte, Unternehmensberater, Psychologen... usw., alle diese Berufsgruppen beraten und bekommen Geld dafür. Nicht so die Physiotherapeuten, die sollen für lau beraten. Ein Unding, das praktisch in Vergessenheit geraten ist und für selbstverständlich gehalten wird, so dass es erst gar nicht mehr hinterfragt wird. Das muss sich dringend ändern!!

Links:
https://www.vdek.com/vertragspartner/heilmittel/rahmenvertrag/_jcr_content/par/download_14/file.res/RV_2013_UF.pdf

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