Die desolate Situation der Osteopathie in Deutschland, Stand: 5.6.2017

Das ewige Dilemma der Osteopathie
Die Osteopathie in Deutschland befindet sich im einem schlimmen Dilemma. Rechtlich gesehen kann Sie sich trotz der vielen Bemühungen Ihrer zahlreichen Berufsverbände (mit wachsenden Mitgliederzahlen und zahlreich verliehenen "Diplomen" und Zertifikaten) nicht etablieren. Es gibt weder eine bundeseinheitliche Regelung die osteopathische Ausbildung betreffend, noch gibt eine gesetzlich geschützte Berufsbezeichnung "Osteopath". Zwar kann sich deshalb jedermann/-frau "Osteopath/in" nennen, doch wer es tut, riskiert eine Abmahnung.

Keine bundeseinheitliche Regelung
Da es keine bundeseinheitliche Regelung gibt, mussten sich in der Vergangenheit immer wieder Gerichte entweder mit berufs- oder marktrechtlichen Themen auseinandersetzen; siehe meine vielen Blogbeiträge hierzu. Rechtlich sicher - die osteopathische Ausübung betreffend - können sich nur Ärzte und Vollheilpraktiker sein, da die Osteopathie in ihrer Gesamtbewertung der Heilkunde zugeordnet wird. Alle anderen Anwender (z.B. Physiotherapeuten, andere Therapeuten der Medizinalfachberufe, sektorale Heilpraktiker usw.) befinden sich in einer rechtlichen Grauzone, die regional unterschiedlich grau ist! Ausnahme ist Hessen, dort gibt es eine berufsrechtliche Regelung. Das will der Gesetzgeber (Bundestag) nun zum Teil ändern. Quasi durch die Hintertüre wurden in das Pflegestärkungsgesetz Stufe 3 nun Anträge zur Änderung in der Ausbildung zum Physiotherapeuten gebracht, die vorsehen, dass Physiotherapeuten mit 60 Stunden Zusatzausbildung berechtigt sein sollen, die Osteopathie zukünftig rechtssicher auszuüben*** (siehe Stellungnahme von Physiotherapeuten-Deutschland hierzu):



der Fraktionen CDU/CSU und SPD zum Entwurf eines Dritten Gesetzes zur Stärkung der pflegerischen Versorgung und zur Änderung weiterer Vorschriften (Drittes Pflegestärkungsgesetz – PSG III) - Bundestags-Drucksache 18/9518 – Änderung der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Physiotherapeuten...
Kommt das Gesetz durch, wäre das für die Berufsverbände in der Osteopathie ein Skandal und Affront ohne Gleichen, denn die "echten" Osteopathen haben mindestens 1.350 Fortbildungsstunden abgeleistet und einen Abschluss in Form eines "Zertifikates" (ohne jegliche rechtliche Bedeutung) erworben und für Ihre "Ausbildung" stets 5-stellige Eurobeträge bezahlt. Die "Osteopathie Gesellschaft Deutschland", ein Tochterunternehmen des ominösen Upledger Instituts Deutschland, hat sogar eine Zeit lang anstatt Zertifikate "Diplome" verliehen. Das klingt irgendwie schöner, ist rechtlich aber höchst bedenklich, denn Diplome sind Universitäten vorbehalten und das ist die "Osteopathische Gesellschaft Deutschland" ja nun wirklich nicht. Um Abmahnungen vorzubeugen, haben die Inhaber der Abschlüsse daraus dann auch ganz schnell wieder "Zertifikate" gemacht.
Osteopathisch tätige Physiotherapeuten stehen mit Ratifizierung des Gesetzes folglich in einem direkten Wettbewerb mit allen Heilpraktikern, die osteopathisch tätig sind. Wobei zu beachten ist, dass - wie bereits jetzt schon praktiziert - die Physiotherapeuten Ihren (Hunger-) Lohn von den Krankenkassen erhalten werden, während Heilpraktiker davon ausgeschlossen sind. Das wird schwerwiegende marktwirtschaftliche Konsequenzen haben. Deshalb werden momentan viele Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, die die Osteopathie in ein "rechtes Licht" rücken sollen (ein Schelm wer Böses dabei denkt). Da wird in epische Breite dann geschildert, welche Gefahren (sic!) durch die bestens medizinisch ausgebildeten Physiotherapeuten ausginge, wenn diese nun mit nur 60 Stunden die Osteopathie (im ärztlichen Delegationsverfahren versteht sich) ausüben sollten. Da wird dann auch wieder von der Physiotherapie diskriminierend als "Heilhilfsberuf" gesprochen und nicht mehr angemessen als "Medizinalfachberuf". Man lese sich nur einmal das Rechtsgutachten von Prof. Dr. A. Spickhoff (Anlage 3) durch. Da kommt einem als Physiotherapeut das kalte Grausen. Als ob durch die (medizinisch als Laien zu betrachtenden) Heilpraktiker bzw. sogenannten "Osteopathen" von eigenen Gnaden weniger Gefahren für die Volksgesundheit ausginge. Letztlich wird durch die Integration der Osteopathie in das physiotherapeutische Curriculum das Ende eines möglichen Berufes "Osteopathen" besiegelt. Die Berufsverbände können sich derweil jetzt schon die Hände reiben, denn deren Kassen werden klingeln, wenn sich die fortbildungshungrigen PhysiotherapeutInnen auf die neuen Kurse (mit Zertifikat versteht sich) stürzen werden. Ob damit die heilmittel-medizinische Versorgung der Bevölkerung verbessert wird, steht auf einem anderen Blatt...denn...

Die wissenschaftliche Bewertung steht diametral zur rechtlichen Bewertung
...von der rechtlichen Einordnung und Bewertung der Osteopathie ist die wissenschaftliche Einordnung und Bewertung streng zu trennen. Wissenschaftlich ist die Sache mit der Osteopathie eigentlich sonnenklar. Es konnten keine medizinischen Nutzen nachgewiesen werden (siehe meine Blog-Beiträge hierzu und diejenigen von Prof. Ernst). Punkt. Aber das interessiert den Gesetzgeber genauso herzlich wenig wie die Berufsverbände (siehe die vergleichbare Situation andere alternativ-medizinische Methoden wie die Homöopathie oder die Akupunktur betreffend). Berufsverbände vertreten die Interessen Ihrer Mitglieder und die sind in erster Linie wirtschaftlicher und berufsrechtlicher Natur sowie mit ganz viel Eigeninteressen verbunden (so wurde der Vorschlag aus der Politik, die kostenaufwendigen sogenannten Zertifikatspositionen abzuschaffen und die Ausbildung zu integrieren, von den Berufsverbänden vehement abgelehnt - warum wohl???)
Und der Gesetzgeber? Der will eine umfangreiche, solide und möglichst kostengünstige medizinische Versorgung für die Bevölkerung. Dass hier Millionen von Euro mit nutzlosen Methoden wie mit Osteopathie, mit Homöopathie oder Akupunktur quasi zum Fenster hinausgeworfen werden, interessiert niemanden. Es geht schliesslich um Politik und Lobbyismus (ein Schelm wer wieder Böses dabei denkt). Wozu brauchen wir eigentlich noch Wissenschaft?

Der esoterische "Wurmfortsatz" der Osteopathie
Die sogenannte Craniosacrale "Therapie", das esoterische Anhängsel der Osteopathie, wird gerne als eigenständige Methode betrachtet, um es von der stets seriös auftretenden Osteopathie zu unterscheiden. Es handelt sich aber um eine Untermethode / Untersektion / Teilgebiet der Osteopathie, anderswo auch "Craniale Osteopathie" oder "CranioSacrale Osteopathie - CSO" genannt. Siehe meine viele Blogbeiträgen insbesondere zur sogenannten "Upledger Craniosacrale Therapie®", die von dem amerikanischen Osteopathen Dr. Upledger (†) in den 80-ziger Jahren nach Europa exportiert wurde.

Zitate aus einem aktuellen Artikel in der Zeitschrift "Zeit-Online" vom 18.8.2016:
1."Für die viszerale Osteopathie hingegen existiert kaum wissenschaftliche Evidenz, und beim Einlesen in die Grundsätze der kraniosakralen Osteopathie bekommt ein rational-schulmedizinisch denkender Kopf das Grausen"...
2."Qualitativ hochwertige Studien, die eine Wirksamkeit der Osteopathie bei Säuglingen und Kindern belegen, existieren nicht"...


Weitere Infos:
http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/StellOV20080430EMMMBAOM.pdf
http://www.hpo-osteopathie.de/aktuelles_presse~news~~~1477663920
http://www.hpo-osteopathie.de/aktuelles_presse~news~~~1476449940
http://www.hpo-osteopathie.de/aktuelles_presse~news~~~1476354120
http://www.vpt.de/nc/aktuelles/vpt-meldungen/archiv/meldung/beratungen-zum-3-pflegestaerkungsgesetz-und-zum-hhvg/
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/71116
http://www.hpo-osteopathie.de/aktuelles_presse~news~~~1480156380
http://www.hpo-osteopathie.de/aktuelles_presse~news~~~1479413400

*** https://www.physio-deutschland.de/fachkreise/news-bundesweit/einzelansicht/artikel/Osteopathische-Therapie-und-Physiotherapie-gehoeren-zusammen-Koalition-und-Bundesgesundheitsministerium-haben-sich-entschieden.html


Der Änderungsvorschlag Nr. 33 wurde aus dem Entwurf entfernt und ist nun nicht mehr Bestandteil der 3. Lesung im Bundestag. Die HP-Verbände freuen sich, die Physiotherapieverbände reiben sich die Augen (leider keine neuen Fortbildungskurse - noch). Letztlich bleibt aber das Randdasein der sogenannten "Osteopathie" in Deutschland bestehen, denn einen Beruf (Osteopathen) wird es auf kurz oder lang in Deutschland nicht geben. Die Lobby der Ärzte und PhysiotherapeutInnen ist stärker als die der HP-Berufsverbände.

Fazit: Die einzige und richtige Lösung kann nur sein, die Betrugsmethode Osteopathie komplett von der medizinischen Bildfläche verschwinden zu lassen und zudem das Heilpraktikergesetz von 1939 gleich mit abzuschaffen.


verändert am 5.6.2017

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