Direkt zum Hauptbereich

Irreführende Werbung als "staatlich anerkannter / geprüfter Physiotherapeut" oder mit "Staatsexamen" *

Irreführende Werbung als "staatlich anerkannter /geprüfter Physiotherapeut"
Der Beruf des Physiotherapeuten ist im Physiotherapeutengesetz und durch die Ausbildungs- und Prüfungsordnung geregelt. Als Gesundheitsberuf bzw. Medizinalfachberuf steht er unter besonderer staatlicher Kontrolle genauso wie z.B. der Beruf des Arztes oder des Rechtsanwaltes, allerdings mit einem ganz wichtigen Unterschied, dass die beiden zuletzt genannten Berufe durch öffentlich-rechtliche Anstalten, den Berufskammern kontrolliert, vertreten und reguliert werden, während der Physiotherapeut "nur" durch verschiedene Berufsverbände vertreten ist. Das führt manchmal zu unterschiedlichen Rechtsauffassungen, die - wie im folgenden Beispiel - sich mitunter haarsträubend diametral gegenüberstehen. In der vom jeweiligen Gesundheitsamt ausgestellten Berufsurkunde steht eindeutig die Berufsbezeichnung: "Physiotherapeut/in" oder vor 1994 die Bezeichnung "Krankengymnast/in" - ohne weitere Zusätze. Demnach dürfen sich alle Physiotherapeuten auch nur "Physiotherapeut / Krankengymnast" nennen. Diese eindeutige Rechtsauffassung vertritt der ZVK-Köln (siehe Berufsordnung, §10 Werbung) und auch der VPT, zumindest in NRW. Es gibt aber auch zwei andere Berufsverbände, der IFK-Bochum und der VBD-Bonn, die der Auffassung sind, dass sich Physiotherapeuten auch "staatlich anerkannter Physiotherapeut" nennen dürfen, weil die Prüfung ja vor einem "staatlichen Prüfungsausschuss" stattgefunden habe und an einer "staatlich anerkannten Schule" die Ausbildung vollzogen wurde. Manche Physiotherapeuten werben sogar mit der Bezeichnung "Staatsexamen". Dies hat in der Vergangenheit bereits zu vermehrten Abmahnungen geführt. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht nicht uninteressant, sich einmal die Mitgliederzahlen der genannten Berufsverbände anzuschauen: ZVK und VPT haben zusammen ca. 50.000 Mitglieder, IFK und VBD ca. 11.000. Eine Minderheit sorgt hier also für eine erhebliche Rechtsunsicherheit! Eine Berufskammer könnte der irrigen Auffassung von IFK und VBD sofort ein Ende setzen. 
Im geschäftlichen Alltag macht es eben einen nicht unerheblichen Unterschied aus, wenn ein medizinischer Laie, also ein Patient, im Internet oder am Praxisschild "staatlich anerkannter Physiotherapeut" liesst oder einfach nur "Physiotherapeut". Zumindest bekommt er den Eindruck, dass es wohl zwei Arten von Physiotherapeuten geben muss. Und es ist anzunehmen, dass der "staatlich anerkannte Physiotherapeut" einen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem "einfachen" Physiotherapeuten erzielen möchte, denn sonst würde er es nicht so herausstellen, sondern sich auch nur "Physiotherapeut" nennen.  Diesbezüglich gibt es seit 2010 aus ein Urteil des AG Wuppertal, dass einer Physiotherapeutin untersagte, sich "staatlich geprüfte Therapeutin" zu nennen: 
http://www.arbeitsgemeinschaftwettbewerb.de/recht-heilkunde.php - Die Verwendung der Bezeichnung "staatlich geprüfte Therapeutin" ist irreführend (Urteil 11 O 97/10 vom 07.12.2010)Zum Vergleich: wenn sich ein Mediziner "staatlich anerkannter Arzt für Allgemeinmedizin" oder ein Rechtsanwalt "staatlich geprüfter Rechtsanwalt" nennen würde, bekäme er innerhalb von 24 Stunden nicht nur eine Abmahnung eines Kollegen, sondern obendrein eine saftige Schelte von der Berufskammer. Genauso würde das Gesundheitsamt jeden Heilpraktiker abmahnen, der sich "staatl. anerkannter Heilpraktiker" oder "staatl. geprüfter Heilpraktiker" nennen würde. Allesamt erfundene Titel, die gleich gegen mehrere Gesetze verstossen. 

Irreführende Werbung mit "Staatsexamen"
Es gibt PhysiotherapeutInnen, die dichten sich ein "Staatsexamen" zu und erheben sich damit in akademische Sphären, wohl abgeleitet aus der irrigen Auffassung von IFK und VBD, dass es sich ja um eine "staatliche Prüfung" an einer "staatlich anerkannten Schule" handele (s.o.). Jedoch sind nicht alle staatlich kontrollierten Prüfungen gleich ein Staatsexamen. Dies ist den akademischen Berufen wie Lehrer, Arzt, Rechtsanwalt (Jurist) vorbehalten und eben nicht den Lehrberufen. Die Frage wird gerade beim OLG-Düsseldorf geklärt und sobald ein Urteil vorliegt, wird hier natürlich darüber berichtet werden. 

Fairer Wettbewerb versus illegale Machenschaften
Dem (fairen) Wettbewerb im Bereich der Physiotherapie tun diese ganzen irreführenden Bezeichnungen überhaupt nicht gut. Dieser hat sich in den letzten Jahren ziemlich verschärft, gerade weil Physiotherapeuten aufgrund der vielen Einschränkungen im gesetzlichen System der Krankenkassen verstärkt mit Sonderleistungen in den privaten Markt einsteigen. Auf dem privaten Markt tummeln sich jedoch viele unseriöse und pseudoseriöse Anbieter mit scheinbaren oder erdichteten Qualifikationen oder es werden Leistungen wie die sogenannte "Fussreflexzonen-Massage" als angebliche "ganzheitliche Therapie" angeboten, die klar unter das Heilpraktiker-Gesetz fallen; siehe auch unter:

Unerlaubte Ausübung der Heilkunde (interessiert offenbar niemanden) 
Die Städte sind mittlerweile voll mit chinesischen und thailändischen Massagesalons, in denen - hinter verschlossenen Türen - nicht nur massiert wird, sondern auch illegal Manuelle Lymphdrainage durchgeführt oder Schmerzen gelindert werden. Ein Beispiel aus Düsseldorf finden Sie hier: http://www.qinlin-tuina-massage.com
Dort steht: ..."Tuina-Massage , Moxibustion oder auch Kräuterstempelmassage, wie sie in China seit Jahrhunderten zu Vorbeugung und Heilung von Beschwerden wie Rückenschmerzen, Kopfschmerzen oder Muskelverspannungen erfolgreich angewendet werden gehören zu unseren Kernkompetenzen"...  Finden hier etwa Kontrollen durch das Gesundheitsamt statt? Es gibt sogar Studios, die halten Ihre "Mitarbeiterinnen" wie Sklavinnen, die an 7 Tagen die Woche von 10-22 Uhr arbeiten müssen. Glauben Sie nicht? Schauen Sie hier: http://yangyitang-massage.de - Kümmert das etwa den Zoll? Fehlanzeige!

Yoga-Therapie
Und was ist mit den überall hervorspriessenden Yoga-Studios, in denen jetzt neuerdings auch unerlaubt "Yogatherapie" angeboten wird, z.B. zur Behandlung von Rücken- und Nackenschmerzen?  Herr Deutzmann aus Wuppertal geht zum Glück erfolgreich gegen die schwarzen Schafe im Yoga-Geschäft vor. 

Fazit
Summa summarum ist es wichtig, dass Physiotherapeuten untereinander hier nicht noch mehr Öl ins Feuer giessen und sich in zwei Lager trennen, dem mit den höheren Weihungen und der Plebs! Man sollte sich viel mehr zusammentun und den o.g. Wildwuchs und alle illegalen Tätigkeiten direkt bekämpfen. Der Selbstzahler, der zur Thailänderin / Chinesin zur Massage geht, könnte ja auch zu Ihnen in die Praxis kommen. Fordern Sie auch Ihren Berufsverband auf, hier tätig zu werden! Eine sogenannte "Aktivlegitimation" für eine evt. Abmahnung ist ja gegeben, weil allein mit dem Massageangebot ein direktes Wettbewerbsverhältnis zwischen dem Massagesalon und einer Praxis für Physiotherapie besteht. Alle Physiotherapeuten sollten sich zudem freiwillig nur noch "Physiotherapeut/in" nennen, ohne irgendwelche Zusätze wie "Staatsexamen"oder "staatlich anerkannt / geprüft".

*(Es gibt keinerlei Gewähr zu den hier gemachten Aussagen, die jedoch nach bestem Wissen und Gewissen erstellten wurden. Der Artikel ersetzt auch keine Beratung durch einen Rechtsanwalt, sondern stellt lediglich die (gut recherchierte) Meinung des Blogautors da.)

Themenorientierte Links hierzu:
http://www.terramedus.de/massageundwellnessakademie/fragen-antworten/aerztlich-geprueft.php
http://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__132a.html
http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/heilmwerbg/gesamt.pdf



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Vernichtende Kritik an der Osteopathie und Craniosacrale Therapie, 1. Teil - Die persönliche Irreführung

Craniosacrale Therapie / Osteopathie - kritische Betrachtung eines ehemals Praktizierenden der Craniosacralen Therapie, insbesondere des Upledger-Ansatzes*

Möglichkeiten und Grenzen der menschlichen Wahrnehmung
Was kann ich mit meinen Händen wahrnehmen? Ich kann die Haut eines Anderen fühlen, ihre Qualitäten wie Weichheit, Feuchtigkeit, Trockenheit, Wärme, Kälte oder den Tonus, die innewohnende Spannung der Muskulatur und den anderer Gewebe. Ich kann Verhärtungen spüren, Myogelosen, Hartspann oder andere pathologischen Veränderungen im muskulo-skeletalen System oder im Bauchraum, den Pulsschlag der Arterien, den Herzschlag und die Atembewegungen. Was kann ich darüber hinaus spüren? Kann ich auch etwas spüren, das weder messbar noch nach den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen nachvollziehbar ist? Es geht um den sogenannten "Craniosacralen Rhythmus" (kurz "CSR") oder Craniosacralen Impuls. Es gibt unsichere Hinweise, dass es einen von Herzschlag und Atmung unab…

Abrechnung als Heilpraktiker (Physiotherapie), welches Leistungsverzeichnis?

Für den Heilpraktiker (HP) gibt es keine rechtlich bindende Gebührenordnung (Gebührentaxe), deshalb ist er generell in der Kalkulation seiner Honorarhöhe frei. Als Orientierungshilfe gibt es zwar das Gebührenverzeichnis für Heilpraktiker (GebüH), in dem viele Leistungen des Heilpraktikers aufgelistet worden sind. Es ist aber ohne eine rechtliche Verpflichtung für den Heilpraktiker. Krankenkassen wollen den HP gerne indirekt dazu verpflichten, sich nach dem - seit 1985 monetär eingefrorenen - Gebührenverzeichnis zu richten und verweigern nicht selten die Leistungen gegenüber Ihren Versicherten, wenn der HP die GebüHnicht benutzt hat. Es steht aber ausdrücklich in dem vom Bundesverband der Heilpraktiker herausgegeben Gebührenverzeichnis, dass auch andere Verzeichnisse herangezogen (letzter Satz, Seite 2) oder ähnliche Behandlungsmethoden als sogenannte Analog-Ziffern benutzt werden dürfen.
Auf der anderen Seite ist jeder Privatversicherte natürlich an das gebunden, was in seinem Versicher…

Vernichtende Kritik an der Osteopathie und Craniosacrale Therapie, 2.Teil - Die wissenschaftliche Beweislage

Erste grosse Übersichtsstudie kam aus Canada Im Jahr 1999 veröffentliche ein finanziell- und interessenunabhängiges Untersuchungsteam der Universität von British Colombia in Vancouver (Kanada), das "British Columbia Office of Health Technology Assessment", die bis 2012 weltweit einzige Übersichtsarbeit (systematischer Überblick über vorhandene wissenschaftliche Studien und Auswertung der qualitativ hochwertigsten Arbeiten) zur sogenannten "Craniosacralen Therapie". Insbesondere wurde gerade der in den USA sehr verbreitete und populäre "Upledger Ansatz" untersucht und hinterfragt. Die Studie ist kostenlos im Internet einsehbar. Sie wurde 14 Jahre nach Ihrer Veröffentlichung leider immer noch nicht ins Deutsche übersetzt und ist deshalb nicht besonders in den deutschen Sprachraum eingedrungen. Das Deutsche Ärzteblatt zitiert diese Studie in Ihrem ausführlichen Bericht über die Bewertung von osteopathischen Verfahren in Deutschland (dort Literatur-Quelle Nr. …