Dichtung und Wahrheit - im Märchenland der Osteopathie

Osteopathie ist "in", ist "on" und ist leider auch "fake"

Die Osteopathie erfreut sich in Deutschland einer immer stärkeren Beliebtheit. Die aus den USA importierte Behandlungsmethode wird mittlerweile von einer breiten Bevölkerungsschicht in Anspruch genommen. Insbesondere Sportler schwören darauf, aber auch viele alternativ-medizinisch Zugeneigte. "Ich habe Rückenschmerzen, kannst Du mir jemanden empfehlen?" - "Ja, geh doch mal zum Osteopathen, der hat mir auch super geholfen" könnten stereotypische Sätze zwischen Bekannten oder Freunden sein. Wenn man mit Beschwerden zu einem Therapeuten geht und es einem nach der ersten Behandlung schon besser geht und die Beschwerden nach 6-10 Behandlungen vielleicht ganz verschwunden sind, dann behauptet man als durchschnittlich informierter Verbraucher zurecht, dass der Therapeut mit seiner Behandlungsmethode geholfen hat. Und genau das wird dann weiterkommuniziert. Doch hat der Osteopath wirklich geholfenWie kann ich das als Laie überhaupt unterscheiden? Siehe auch meinen Blogbeitrag: Man muss sich entscheiden...

Genau hier setzt wissenschaftliche, medizinische Forschung an. Forschung ist für den durchschnittlichen Verbraucher jedoch etwas nicht Nachvollziehbares, denn sie findet nicht in Reichweite seiner Wahrnehmung statt. Wird also ein Studienergebnis veröffentlicht und widerspricht das der eigenen, bisherigen, subjektiven Erfahrung, ist man geneigt eher das zu glauben, was man selbst erlebt hat und nicht das, was Wissenschaftler irgendwie und irgendwo herausgefunden haben.

Osteopathen fassen an, arbeiten mit Ihren Händen, palpieren, drücken und ziehen - wie z.B. Physiotherapeuten oder Ergotherapeuten auch. Es gibt in der Osteopathie unzählige therapeutische Handgriffe und Ausführungen von ganz sanften Griffen, die sich wie Handauflegen anfühlen bis hin zu chiropraktischen Einrenkungen (die oft äußerst gefährlich sind). Osteopathen lernen für viel Geld in einer i. d. R. fünfjährigen, privaten Ausbildung in Deutschland auch Anatomie und Physiologie. Allgemein gültige Qualitätsnormen gibt es jedoch für die Ausbildung - bis auf im Bundesland Hessen - nicht. 

Der Osteopath befragt seine Patienten meist sehr ausführlich, viel ausführlicher als es vielleicht ein Arzt - insbesondere Orthopäde - tun würde. Dies liegt auch an der schlechten Vergütung der Ärzte. Diese erhalten nur wenig für die sogenannte Gesprächsziffer 1 (oder 3)  und die sogenannte Fallpauschale pro Quartal. Auf der anderen Seite müssen osteopathischen Leistungen - bis auf wenige Ausnahmen - vom Patienten selbst bezahlt werden (oft € 80.- und mehr). Der Osteopath kann sich also schön viel Zeit nehmen, weil er sie auch gut und direkt vergütet bekommt. Hier wirken also schon vor der eigentlichen Behandlung Faktoren wie EmpathieZuhören und Präsenz die man alle dem Sammelbegriff "Placebo"  zuordnet und die wesentlich zu einer Genesung beitragen können. Da ist die eigentliche anschliessende osteopathische Behandlung nur eine "Luftnummer", die einem Handauflegen gleicht.

Was haben Wissenschaftler denn über Osteopathie herausgefunden? Durch die weltweit zugänglichen Datenbanken kann man sich einen umfassenden Überblick über den Stand der Forschung über ein bestimmtes Thema verschaffen. Nur die Allerwenigsten können jedoch all die vielen Studien zu einen Thema lesen und bewerten. Also gibt es Methoden, die Studienergebnisse zusammenfassen. Das sind die sogenannten Übersichtsarbeiten oder englisch "Reviews". In solche Reviews fliessen jedoch nicht alle Studien zu einem bestimmten Thema, sondern es gibt sehr strenge Auswahlkriterien, die eine wissenschaftliche, medizinische Studie erfüllen muss, um schliesslich in eine solche Übersichtsarbeit aufgenommen zu werden. "Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen" Leider gibt es auf dem Gebiet der sogenannten Alternativ-Medizin oft viel mehr schlechte als gute Studien, insbesondere in den Disziplinen Homöopathie, Chiropraktik und Osteopathie, siehe auch hier.

Die Übersichtsarbeiten, die durch unabhängige und interessenfreie Wissenschaftler bezüglich der Osteopathie durchgeführt wurden, kommen alle zu einem eindeutigen und schlüssigen Ergebnis: dass osteopathische Anwendungen nicht über Placebo-Niveau hinauskommen und sie für keine medizinische Indikation zu empfehlen ist. Gleiches gilt für eine Untermethode der Osteopathie, der sogenannten "Craniosacralen Osteopathie" besser bekannt unter dem Label: "Craniosacrale Therapie". Siehe hierzu auch meine Blogbeiträge hier und hier und hier.

Was macht nun der Verbraucher damit? Die allerwenigsten werden sich von so einem Ergebnis in Ihrem Handeln beeinflussen lassen, wenn sie überhaupt davon erfahren sollen, denn so etwas steht nicht in der "Bildzeitung" oder im "Express". Vielleicht noch in der "Zeit", siehe auch hier oder in der Süddeutschen Zeitung.

Was oft vollkommen unbeachtet bleibt - sowohl beim Verbraucher als auch bei vielen Entscheidungsträgern in der Politik - ist der nebulöse, mystisch-spirituelle Ursprung der Osteopathie (A.T. Still) mit seinen Konzept der "life force" oder "breath of life" einer angenommenen inhärenten Lebensenergie, die uns ein Leben lang begleiten und die Selbstheilungskräfte des Körpers koordinieren soll. Vom Konzept her ähnelt das dem "Chi" oder "Qi" der Chinesen. Beides bis heute unbewiesene Phantasien, die sich weltweit super vermarkten lassen (auch weil es zu viele dumme* Verbraucher gibt). Stills Nachfolgers, W.G.Sutherland, hat dann mit seinem Konstrukt eines sogenannten "Primären respiratorischen Mechanismus" die ganze Phantasiewelt mit dem sogenannten "Craniosacralen Rhythmus" geschaffen, der bis heute nicht von einem einzigen seriösen Wissenschaftler nachgewiesen wurde und weder biologisch, noch anatomisch oder physiologisch plausibel ist. Siehe meine Beiträge hier und hier. Auf diesem rein hypothetischen Rhythmus basiert die gesamte Osteopathie nach wie vor 100 Jahren.

*dumm = schlecht oder wenig informiert, leichtgläubig, gutgläubig, naiv.

Links:
https://www.researchgate.net/profile/Edzard_Ernst/publication/47680572_Osteopathy_for_musculoskeletal_pain_patients_A_systematic_review_of_randomized_controlled_trials/links/004635268b70384082000000.pdf?origin=publication_detail

https://www.researchgate.net/publication/47680572_Osteopathy_for_musculoskeletal_pain_patients_A_systematic_review_of_randomized_controlled_trials

http://edzardernst.com/2013/06/osteopathy-based-on-little-more-than-wishful-thinking/

http://pediatrics.aappublications.org/content/132/1/140

https://www.psiram.com/de/index.php/Osteopathie

https://www.psiram.com/de/index.php/Cranio-Sakrale-Therapie

http://relaxman-redaktion.blogspot.de/2015/09/die-methoden-der-pseudowissenschaften.html

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22182954

Siehe auch den aktuellen Artikeln der Zeit-Online, der sich 1:1 auf die Osteopathie übertragen lässt.

In Deutschland sucht man kritische Wissenschaftler in der Medizin leider vergeblich. Diejenigen auf den Gebiet der sogenannten alternativen Medizin "forschen", publizieren überwiegend nur positive Ergebnisse. Nur positive Ergebnisse zu erzielen, widerspricht einer durchschnittlichen, wissenschaftlichen Arbeit. Weitere Infos (auf Englisch) bei Prof. Ernst. Siehe auch: http://edzardernst.com/2018/02/a-new-rct-of-craniosacral-therapy-for-once-i-am-really-embarrassed/

Zum Placebo-Effekt siehe auch die sehr gut recherchierten Blog-Beiträge eines Wuppertaler PT-Kollegen hier und hier und hier.


Impressum
überarbeitet am 20.5.2018






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