Osteopathie: persönliche Erfahrungen versus wissenschaftliche Erkenntnisse

Wissenschaft spricht eher den kritischen, rationalen Geist an, als zum Beispiel den handelnden Verbraucher. Dieser trifft seine Entscheidungen meist nicht aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern aufgrund von Werbung, Meinung, eigener Erfahrung oder Erfahrungen anderer, zum Beispiel von Freunden und Bekannten.

Wenn man die "Osteopathie" oder "Craniosacrale Therapie" aus der Optik des unvoreingenommenen, unabhängigen Wissenschaftlers betrachtet, kommt man zu dem Schluss, dass es sich um wirkungslose Scheintherapien handelt, die aus jeglichem medizinischen Kontext und Curriculum entfernt gehören.

Wenn man die Osteopathie jedoch aus der Optik der Person, des Patienten oder des Verbrauchers betrachtet, kommt man zu ganz anderen Erkenntnissen. Die eigene Erfahrung kann stark von den realen Gegebenheiten abweichen. Subjektiv mag man sich wohl fühlen nach einer osteopathischen Behandlung und dieses Wohlbefinden der Osteopathie zuschreiben. Objektiv betrachtet wirken jedoch andere Faktoren wie Empathie, Präsenz, "sich Zeit genommen zu haben", wohliges Ambiente und das vorherige Briefing von Freunden. Dieses Wohlbefinden ist zwar wahr und legitim, aber die Verknüpfung mit möglichen Schlussfolgerungen daraus z.B. "Osteopathie hilft" ist falsch.

Es gelten hierzulande - zum Glück - Glaubensfreiheit, Berufsfreiheit und Respekt vor der Selbstbestimmung von Patienten, sowie Therapiefreiheit. Patienten können sich Heilern, Osteopathen usw. anvertrauen. Den Verbraucher erreicht man am Besten mit Werbung, Behauptungen, Stories. Und die allerbeste Werbung ist die sogenannte "Mundpropaganda", weil dort von Person zu Person ganz persönliche Erfahrungen weitergegeben werden. Und, weil das so gut funktioniert, können sich Fake-Methoden wie Osteopathie oder Craniosacrale Therapie weiter so explosionsartig ausbreiten. Nebenbei bemerkt: bei Gesundheitsthemen werden sogar viele an sich kritisch eingestellte Verbraucher oder vermeintliche Experten ganz unkritisch, wenn sie fest zum Beispiel behaupten, das Homöopathie hülfe. Ein Paradoxon. 

Der Wissenschaft bleibt dagegen nur der Gang durch die Institutionen oder durch die Politik. Anti-Werbung zu machen wäre zu kostspielig und man würde dadurch ja auch keine Einnahmen erzielen. Mit Kritik lässt sich nunmal kein Geld verdienen. Aufklärungsarbeit leistet zumindest z.B. die GWUP, Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, die von Mitgliederbeiträgen, Spenden und dem Verkauf von Medienprodukten lebt oder die Sektenberatung NRW, ein eingetragener Verein mit Sitz in Essen mit Unterstützung des Landes NRW.

Wenn doch einmal kritische Informationen den Verbraucher erreichen, zum Beispiel durch gut recherchierte Artikel in der Zeit oder Süddeutschen Zeitung, dann ist auch das gefiltertes, ab- und ausgewogenes Wissen für ein belesenes Publikum, das zwar intellektuell versteht, was dort geschrieben steht, aber wer lässt sich davon auch in seinem Handeln beeinflussen?


Die Waage der Aufklärung ist also (noch) sehr unausgewogen. Auf der einen Seite der kritische Geist, der viel kritisches Wissen produziert und auf der anderen die Interessenvertreter und Promoter der vielen Fake-Methoden, deren Berufsverbände, private Bildungsinstitute, deren massenhafte Werbung und mediale Präsenz.

Der Verbraucher glaubt eher das, was er an sich selbst erfahren hat, was er täglich sieht und hört, als das, was er einmal liest. Prof. Dr. Pawlow lässt allen herzliche Grüsse ausrichten.

Siehe auch den aktuellen Artikel des EbM-Netzwerkes "Kritische Gesundheitskompetenz".

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abrechnung als Heilpraktiker (Physiotherapie), welches Leistungsverzeichnis?

Was Osteopathie ist und was Sie nicht ist, eine Zusammenfassung in 22 Thesen

Die bizarren Techniken in der Osteopathie und Craniosacalen Therapie, Teil 4